Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens.
57
An den Geschützen selbst änderte sich indes bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nur wenig. Erst unter Maria Theresia erstand der Artillerie wieder ein Führer, Josef Wenzel Fürst zu Liechtenstein (Bild 3), der als Generalartillerie-Direktor an die Spitze der Artillerie gestellt wurde und der in einer Selbstlosigkeit ohnegleichen im Verlaufe von 10 Jahren nicht weniger als 35 Millionen Mark nach heutiger Währung aus seinem Privatvermögen dem Ausbau der kaiserlichen Artillerie widmete.
Die aufgewendeten Summen wurden zunächst zur Durchführung eingehender, oft sehr kostspieliger Versuche verwendet. Die Geschütze sollten einfacher, leichter und dennoch leistungsfähiger gemacht werden. Liechtenstein richtete staatliche Gießereien ein und verbesserte die bereits bestehenden Geschützgießereien durch die Einführung zeitgemäßer Arbeitsbehelfe. Die besseren Guß- und Bohrmethoden steigerten die Güte der Geschützrohre erheblich, ermöglichten eine Herabsetzung des Spielraumes zwischen Geschoß und Bohrung und gestatteten durch entsprechende Vergrößerung des Laderaumes die Verwendung stärkerer Pulverladungen und in Verbindung damit eine erhöhte Feuerwirkung bei genauerem Schießen. — Ebenso wurde die Pulvererzeugung und damit das Pulver verbessert, eine leichtere Wandlafette eingeführt, ein Geschützaufsatz und ein Geschütz quadrant konstruiert und ein einfaches, doch dabei genaues Richten durch eine Richtmaschine ermöglicht.
Dadurch konnten schon in den Jahren 1753 bis 1755 jene Geschütze eingeführt werden, welche dem Fürsten bei Übernahme der Leitung der österreichischen Artillerie vorgeschwebt hatten. Die schweren, spröden, gußeisernen Geschütze von früher wurden aus der Feldausrüstung ganz ausgeschieden. Die Liechtenstein- schen Geschütze (Bild 4 a und b) weisen schon Kaliber auf, die mit geringen Abänderungen auch heute noch durch moderne Geschütztypen vertreten sind.
Die LiECHTENSTEiNschen Geschütztypen, deren Schöpfer im Jahre 1772 starb, wurden somit über 100 Jahre lang angewendet, woraus sich von selbst ergibt, daß einschneidende Fortschritte während dieses Zeitraumes nicht erfolgten. Mit diesen glatten Vorderladern, Kugelgeschossen und Schwarzpulverpatronen endete die erste
Bild 3. Wenzel Fürst zu Liechtenstein (1696—1 772).