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Kurt von Lössl
Fürsorge für seine zahlreiche Familie lastete, auch ständig Versuchsarbeiten auf Sondergöbieten auf seine (Kosten durchzuführen.
Lössl hatte inzwischen sein 60. Lebensjahr überschritten. Er zog sich nun mehr und mehr von den Berufsgeschäften zurück und lebte während der schönen Jahreszeit in Aussee. Auch jetzt blieb Lössl aber durchaus nicht untätig, sondern widmete sich nun eifriger, als dies vorher möglich gewesen war, seinen Lieblingsbeschäftigungen: dem Bau 'der aerodynamischen Uhren und dem Studium der aerodynamischen Grundgesetze, deren Erforschung er als Vorbedingung für das Gelingen des mechanischen Fluges erkannt hatte. Aus dem früher lebenslustigen Mann wurde allmählich der stille Gelehrte. Über die beiden Spezialgebiete hielt Lössl in den folgenden Jahren oft Vorträge in den wissenschaftlichen Vereinen. Wie weit er auf dem zweiten seiner Zeit vorausgeeilt war, erhellt am (besten aus der Tatsache, daß derartige Vorträge und seine Veröffentlichungen immer nur im ganz engen Kreis von wenigen Physikern und theoretisch gebildeten Ingenieuren Interesse erweckten. Die Mehrzahl der Wissenschaftler jener Zeit hielt derartige Untersuchungen über den Vogelflug und daraus abgeleitet über den Menschenflug für „viel zu kühn und aussichtslos“.
Die Jahre 1882 bis 1886 waren mit wissenschaftlichen Vorträgen in Wien und mit Versuchsarbeiten über den Vogelflug und aerodynamischen Experimenten in Wien und in Aussee ausgefüllt. Außerdem nahm Lössl an den Versuchen von Buonacorsi mit dessen nach Laval konstruiertem Luftstoßtorpedo teil; diese wurden zunächst in der Nußdorfer Kohlensäurefabrik und später in der Schwartzkopffschen Torpedofabrdk in Berlin, jedoch ohne besonderen Erfolg, ausgeführt. Auch für die RENARD-KREBSschen Versuche mit Lenkballonen, die damals großes Aufsehen erregten, .zeigte Lössl leibhaftes Interesse. Er sammelte die gesamte Literatur über diese Versuche und machte mit Modellen Luftwiderst andsversuche, über die er 1885 einen ausführlichen Vortrag im Ingenieurverein in Wien hielt. In derselben Zeit wurde Lössl von der obersten Baubehörde auch in ein Komitee berufen, das das VoLDERAUERsche Ballonprojekt zur Personenbeförderung auf den Gaisberg bei Salzburg zu prüfen hatte. Das Jahr 1886 war besonders reich an Vorträgen, zum einen Teil über die autodynamischen Uhren, zum andern Teil über aerodynamische Experimentalergebnisse mit Vorführung verschiedener Modelle.
Im April des Jahres 1887 wurde Lössl durch den plötzlichen Tod seiner Frau in tiefste Trauer versetzt. Er hatte trotz seiner starken beruflichen Inanspruchnahme und trotz seiner mit häufigen Reisen verbundenen Tätigkeit ein denkbar glückliches Familienleben geführt. Bald darauf erkrankte er selbst schwer an einer Lungenentzündung, von deren Folgen er sich nur langsam erholte. Er wurde nach Aussee gebracht und erst hier zeigte der Genesende trotz anhaltender Schwäche wieder Interesse für verschiedene Angelegenheiten, insbesondere auch für sein Hotel. Lössls biographische Notizen besagen, daß ihm der Tod seiner Frau und die anschließende Krankheit über ein Jahr von der gesamten technischen und geschäftlichen Tätigkeit abgehalten haben. Erst allmählich kehrte seine frühere Gesundheit wieder.
Inzwischen war der Wiener Flugtechnische Verein vom Österreichischen Ingenieur- und Architektenverein abgespalten worden und hatte sich selbständig gemacht. Lössl begrüßte dies sehr, da es nunmehr auch möglich wurde, mehrere