Wilhelm Kress.
Ein österreichischer Pionier der Luftfahrt.
Von
Dipl.-Ing. Erich Kurzel-Runtscheiner.
Mit 10 Abbildungen.
Wer seiner Zeit vorausschreitet, darf nicht erwarten, sein Leben auf gebahntem breitem Weg in mühelosem Dahineilen verbringen zu 'können. Er wird in Irr- sale geraten und Hindernisse überwinden müssen. Und am Ende seiner Fahrt
wird er es sogar erleben, daß andere, die den Vorstoß nach jenem Ziel, dem er zustrebte, von anderen Randstellen des schon bekannten Landes aus unternommen haben, ihn überholen, obwohl oder weil sie'später loszogen: wird es erleben daß Anderen Ruhm und Ehren zufallen, die ihm, dem ewig der letzte Erfolg aus den Händen glitt, stets versagt geblieben sind.
Dies ist, in kurzen Worten geschildert, ,.das tragische Schicksal des Wegbereiters“. Da aber Wilhelm Kress einer der Wegbereiter, ein Pionier der Flugtechnik war, ist dies auch sein Schicksal gewesen. In 'St. Petersburg wurde er am 29. Juli 1836 als Sohn deutscher, aus Hanau in Hessen nach Rußland ausgewanderter Eltern geboren. Er erlernte das Handwerk eines Klaviermachers und Klavierstimmers, zu dem seine für feinmechanische Arbeiten besonders begabten Hände ihn vorbestimmt zu haben schienen. Als vorzüglich ausgebildeter Klavierbauer verließ der Einundzwanzigjährige 1857 seine Vaterstadt und nahm, durch mehrere Jahre Mitteleuropa durchreisend, in verschiedenen Städten Aufenthalt. Nach St. Petersburg 1864 zurück- gekehrt, begann Wilhelm Kress sich mit den Problemen der Luftfahrt zu beschäftigen. Die Herstellung eines freifliegenden Luftkreisels gelang ihm bald. Dieser schwebte, auf eine Art Stricknadel gesteckt und mit einem kräftigen Stoß in schnelle Umdrehung gebracht, bis zur Decke
Bild 1. Wilhelm Kress (1863—1913).