Erich Kürzel-Runtscheiner: Wilhelm Kress. 31
eines hohen Wohnraumes empor. Noch heute werden ähnliche Gebilde als Kinderspielzeuge verwendet.
Im Sommer desselben Jahres besuchte Kress die Familie seiner Schwester, die damals gerade während der warmen Monate in der Umgebung von St. Petersburg am Lande wohnte. A'ls seine Neffen sich damit vergnügten, Papierdrachen steigen zu lassen, kam Wilhelm Kress, der an diesem Spiel teilnahm, plötzlich der Gedanke, daß ein Drachen, mit einer Luftschraube versehen, die durch einen leichten Motor angetrieben würde, sich, selbst bei ruhiger Luft und ohne durch eine Schnur gezogen zu werden, selbsttätig vom Boden erheben müsse. Blitzartig kam Kress, als er den Gedanken durchgedacht hatte, die Vorahnung, daß dies die Lösung des alten Sehmsuchtstraumes sein könnte, sich im Flug in die Luft zu erheben.
Kress hat in einer, ein Jahr vor seinem Tod im Selbstverlag (Wien, Oktober 1912) herausgegebemen Veröffentlichung „Die erste Entwicklung des Drachenfliegers in Wien“ über den sofort nach der Episode des Drachenziehems gemachten Versuch, den einmal gefaßten Erfindungsgedanken „Flugmaschine“ zu verwirklichen, wie folgt berichtet: „Dieser Gedanke packte mich so stark, daß ich nicht mehr eher ruhte, bis ich ein paar Wochen später schon das Modell eines Drachenfliegers fertig hatte. Mein Schwager Karl Dietze lieferte mir dazu einen Uhrfedermotor, der aber leider zu schwer war. Der Apparat bestand aus zirka 3/ 4 m 2 Tragfläche und zirka V 5 m 2 Höhensteuer und war auf drei kufenartige Füße gestellt. Dieser Apparat bewegte sich auf 'dem Boden, konnte aber wegen des zu schweren Motors sich in die Luft nicht erheben und alle meine Bemühungen scheiterten an der Motorfrage.“ Dieser Mißerfolg entmutigte Kress so sehr, daß er seine flugtechnischen Arbeiten zunächst aufgab.
Nachdem Kress vergeblich versucht hatte, sich in Frankreich als Klavierbauer dauernd niederzulassen, reiste er 1873 nach Wien, wo eben die Weltausstellung ihre Tore öffnete. Obwohl er bloß an einen kurzen Aufenthalt in Wien gedacht hatte, wurde diese Stadt ihm zur zweiten Heimat. Denn in dieser musikliebenden Residenz fand Kress, was er bisher vergeblich gesucht hatte — einen gesicherten Lebensunterhalt. Dieser ergab sich, als Kress bald nach seiner Ankunft vom damals berühmtesten Klavierbauer der Welt, Ludwig Bösendorfer, auf den Beruf des Klavierstimmers hingewiesen wurde. Die Einnahmen aus dieser handwerklichen Tätigkeit waren es, die Kress mit dem vom Vater ererbten Vermögen bis in seine letzten Jahre die Führung eines gut bürgerlichen Haushaltes ermöglichten.
Wäih rend Kress durch das Jahrzehnt, das seiner erstmaligen Beschäftigung mit flugtechnischen Problemen folgte, diesen fernblieb, haben sich andere geniale Köpfe in dieser Zeit dem eben entstehenden Zweig der Technik mit größtem Eifer gewidmet. Den ersten sichtbaren Erfolg auf diesem Gebiet erzielte Alphonse Penaud, ein an den Beinen gelähmtes Mitglied der 1868 in Paris gegründeten „Societfe Aeronautique et Meteorologique“. Ihm gelang es, 1871 ein etwa 160 Gramm schweres, „Planophore“ genanntes einfaches Modell zu konstruieren, das mit Gummistrangmot or ausgerüstet, von Hand in die Luft entlassen, als erstes Fluggerät „schwerer als die Luft“ zum freien Flug gebracht werden konnte. Der