32
Erich Kürzel- Ruxtschkiner
von Penaud erstmalig verwendete „Kraftakkumulator“ — denn nichts anderes ist der Gummistrangmotor — gewann in den Jahren der beginnenden aviatischen Vei'suche für diese durch den Umstand Bedeutung, daß er jene Kraftquelle war, aus der sich die größte Leistung je Gewichtseinheit — wenn auch nur kurzfristig — gewinnen ließ. Noch lange blieb der Gummistrangmotor hierin allen Kraftmaschinen überlegen.
Man hat in späterer Zeit, um die Verdienste, die Kress sich als Pionier der Luftfahrt erwarb, zn verkleinern, glaubhaft machen wollen, daß er während der Zeit, die er im Jahre 1872 in Paris verbrachte, Penauds Arbeit kennengelernt habe. Kress selbst hat hierzu die Veranlassung gegeben; denn er hat selbst einmal — wahrscheinlich, um anläßlich einer der häufigen Diskussionen der avia- tisähen Tafelrunde in Wien seiner Meinung größere Autorität zu verleihen — gegenüber Hermann Hörnes, der ihn im letzten Lebensjahr angriff, und gegenüber Friedrih von Lössl behauptet, „während seines Pariser Aufenthaltes bei Penaud gearbeitet zu haben“. Hieraus wurde dann von seinen Gegnern der Schluß gezogen, daß Kress nur die Erfindungsgedanken Penauds pingiert habe. Als Gegenargument sei angeführt, daß Kress, der sich, nachdem er in Wien seine Lebenshaltung durch Auswertung seines handwerklichen Könnens gesichert hatte, sofort wiederum den Problemen der Luftfahrt zuwandte, wobei er zunächst durch mehrere Jahre, und zwar darum, weil er den Gummistrangmotor nicht kannte, mit seinen Versuchen erfolglos blieb. Ist dies nicht ein Beweis dafür, daß er die damals schon erfolgreiche Bauart Penauds nieht, gesehen haben kann? Denn wäie Kress w-äh rend seines Pariser Aufenthaltes mit Penauds Versuchen bekannt geworden, er hätte den Versuch, seine Modelle mit Gummistrangmotor auszurüsten, nicht erst 1876 unternommen.
Kress hat auch den Fahnenpropeller, den er zum erstenmal verwendete, als er sich 1876 den flugtechnischen Problemen wiederum zuwandte und begann, seine bald darauf erfolgreichen Flugzeugmodelle zu baueai, stets als seine eigene Erfindung bezeichnet. Der Fahnenpropeller ist eine Luftschraube mit zwei Flügeln, von denen jeder als Stütze einen rechtwinkelig abgebogenen, am Ende dünn auslaufenden und daher elastischen Bügel besitzt, über den als Propellerfläche ein lose gespannter Stoffteil angeordnet ist. Kress hat, als er seinen Fahnenpropeller entwickelte, sicher selbständige und von Penaud unabhängige Ei- findertätigkeit. geleistet, obwohl auch schon dieser einen Propeller gleicher Art benutzt und beschrieben hat.
Die Überlegung, die zur Fahnenpropellerbauart führte, war — nach den von Kress in der 1880 in Wien herausgegebenen Veröffentlichung „Aeroveloce, lenkbare Flugmaschine“ gemachten Angaben — die, daß beim Fahnenpropeller „die Propellerflügel, je nachdem sie einem stärkeren oder söhwächei'en Luftdrucke ausgesetzt sind, eine größere oder kleinere Kurve bilden, wodurch der Steigungswinkel am Umfange und die Ganghöhe je nach dem Luftdrucke sich ändert“. Kress hat dem Fahnenpropeller bis zum Ende die Treue gehalten. Auch die letzten von ihm entworfenen Zeichnungen zeigen noch Propeller dieser Bauart. Diese hatte in einer Zeit, in der die Ergründung der aerodynamischen Gesetze