Wilhelm Kress.
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unerhörter Art schon vor dessen Annahme sicher zu sein, wie Kress in seiner Veröffentlichung „Die erste Entwicklung des Drachenfliegers in Wien“ berichtet, „ein Komitee aus zirka sechs Herren, welches meine Sache erst prüfen sollte. Ich wurde eingeladen, im Komitee mit meinem Modell zu erscheinen lind ein Experiment vorzuführen. In einem Saale saßen zirka sechs bis acht ältere Herren um einen großen Tisch und nachdem ich den Herren eine kurze Erklärung über die Funktion meines Modells gegeben hatte, ließ ich dasselbe direkt vom Tische, an dem wiir herumsaßen, fliegen. In der Ecke stand ein großer weißer Kachelofen, auf diesen Ofen zu flog das Modell und setzte sich oben drauf. Die Herren waren nicht wenig überrascht von dem Experimente.“ Auf Grund dieses alle Zweifel behebenden Ergebnisses wurde dann der Vortrag angesetzt. Er wurde in der am 5. März 1880 abgehaltenen Wochenversammlung des Niederösterreichischen Gewerbevereines als letzter Bericht eingereiht.
Am Ende des Vortrages führte Kress dann sein Modell zum erstenmal öffentlich im Freiflug vor. Es flog, berichtet er, „direkt vom Tische hoch über die Köpfe des Auditoriums bis an die rückwärtige Wand, wo es mit dem Puffeist ark anprallte, dann stellte ich das 'Seitensteuer und ließ das Modell einen Kreisflug ausführen. Ein donnernder Applaus folgte diesem Experimente: Der Saal war gefüllt vom Publikum und die Aufregung war so groß, daß viele Herren sich auf die Bänke gestellt hatten, um besser zu sehen.“ Unter jubelndem Beifall aller Anwesenden ging der Vortrag zu Ende.
Über die Folgen, die sich aus dem Vortrag für Kress ergaben, berichtet dieser: „Bis zu diesem Tage war ich in Wien, mit Ausnahme bei den Klaviervirtuosen und Klavierfabrikanten, ganz unbekannt, aber schon ein paar Tage nach meinem Vortrage meldeten sich bei mir mehrere Herren, darunter Ing. Lippert und Graf Buonacorsi vom Niederösterr.* Ingenieur- und Architekten-Verein. Graf Buonacorsi sagte zu mir: ,Sie scheinen gar nicht zu wissen, was für eine wichtige Erfindung Sie gemacht haben. 4 Die Herren teilten mir mit, daß sie die Absicht haben, im Ingenieur-Verein eine Fachgruppe für Flugtechnik zu gründen und luden mich ein, zur Gründung zu erscheinen und der Fachgruppe beizutreten. Jetzt erfuhr ich erst, daß in Wien und anderwärts mehrere Herren sich mit Flugtechnik beschäftigen.“ Die Gründung wurde tatsächlich noch im Herbst 1880 in die Wege geleitet und an einem der ersten Versammlungsabende der neubegründeten „Fachgruppe für Flugtechnik“ stand als Gast Vortragender Wilhelm Kress am Rednerpult. Der Titel seines Vortrags, der am 1. April 1881 stattfand, lautete: „Das Aero- veloce unter Bezugnahme auf neuere aerodynamische Grundformeln.“ Kress bewies bei dieser Gelegenheit, daß er durchaus nicht bloß ein „Bastler“ sei, der Erfolg hatte, sondern daß er, obwohl Autodidakt, vor dem fachmännischen Forum von flugtechnisch Interessierten, das das Wien jener Tage zu stellen vermochte, ohne weiteres bestehen konnte.
Kress erntete mit diesem Vortrag reichen Beifall und fachmännische Anerkennung. Dies erweist auch der Umstand, daß Georg Wellner , 1 Professor
* Richtig „vom österreichischen . .