Aufsatz 
Wilhelm Kress : ein österreichischer Pionier der Luftfahrt / von Erich Kurzel-Runtscheiner
Entstehung
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Erich Kürzel- liuNTSCHEiNEii

I

schienen, abgedruckt werden sollten, verfaßte Kress noch einen Nachtrag zu seinen Darlegungen. Dieser wurde als letzter Bericht, derProceedings in deren stattlichen Band eingereiht. Chanute kannte also Kress Arbeiten sehr gut. Um so sonderbarer ist es, daß Chanute in seinem ein Jahr später 1894 in New York erschienenen grundlegendem 290 Seiten umfassenden Werk Progress in flying machines Kress überhaupt nicht erwähnt.

Aus der Zeit der Hoffnungslosigkeit, die Kress wie wir sahen durch­zumachen hatte, als er durch das Fehlen des Motors, den er 'benötigte, sein Ziel in unerreichbare Ferne gerückt sah, konnte nur ein neuer, von außen an ihn herantretender Antrieb herausführen. Dieser ergab sich, als Kress junger Bekannter Franz Berger im Sommer des Jahres 1892 die Wiener Technische Hochschule bezog. Kress konnte nun den Lehrstoff kennenlernen, der dort geboten wurde, und daraus ersehen, wie viel ihm an masohinentechnischer Fachbildung fehlte. Er hatte dies immer dunkel geahnt. Nun aber wurde ihm klar, daß er, wenn er auf seinem Gebiet vorwärtskommen wollte, nicht nur erfahrungsgemäß gesammelte Sonderkenntnisse jenes Wissens, das die Flug­technik von damals ausmachte, besitzen, sondern auch allgemein maschinen- bauliche Kenntnisse erwerben mußte. Mit Professor Johann von Radinger , 4 dem berühmten Lehrer des Maschinenbaus an der Wiener Technischen Hoch­schule war Kress wenn auch nur flüchtig anläßlich seiner eigenen Vor­träge, die dieser Gelehrte besucht hatte, bekannt geworden. Nun wandte sich Kress an Radinger mit der Bitte, ihm die Erlaubnis zu erwirken, an der Wiener Technischen Hochschule als außerordentlicher Hörer des Maschinen­baus Vorlesungen belegen zu dürfen. Die Erlaubnis wurde vom Rektorat er­teilt und die Inskription konnte am Beginn des Wintersemesters 1898/94 er­folgen. Durch dieses ganze Lehrjahr besuchte der nun 57jährige Kress Radingers Vorlesungen; er fehlte nicht nur bei keiner, sondern arbeitete auch, ebenso ausdauernd wie seine jungen Mitschüler, im Zeichensaal vor dem Reiß­brett. Hier erwarb er wertvolle theoretische Kenntnisse und bildete sich im maschinenbaulichen Konstruieren und Darstellen aus. Die Fortschritte, die er in diesem Belange machte, werden jedem sichtbar, der die zahlreich erhaltenen Skizzen, Übersiohts- und Bauzeichnungen des schon erwähnten Kress- Archivs im Wiener Technischen Museum durchsieht. Während die Entwürfe aus derzeit vor dem Lehrjahr an der Wiener Technischen Hochschule wenn auch aus ihnen Genialität des Erfinders spricht in ihrer Darstellungsart nicht fachgemäß waren, so ißt dieser Mangel bei den später angefertigten Ent­würfen und Bauzeichnungen verschwunden: sie lassen erkennen, daß der, der sie angefertigt hat, durch die Schule der Zunft der Maschineningenieure ge­gangen war.

Als das Ende des Studienjahres herannahte, bereitete Radinger seinem Schüler die Genugtuung, ihn zu einer Vorführung seiner Flugzeugmodelle im Hörsaal der Lehrkanzel einzuladen. Kress leistete gerne Folge und brachte auch sein größtes Modell zu dieser Vorführung. Radinger hatte für diese Gelegenheit in seinem Hörsaal hinter den Bänken einen Ablauftisch auf­stellen lassen, so daß Kress seine Modelle von dort zum Flug aufsteigen lassen