Wilhelm Kress.
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konnte und diese die ganze Länge des Hörsaals bis zur Tafelwand freifliegend durehmessen konnten. Die Sache batte sich an der Technischen Hochschule herumgesprochen und so kam es, daß der Hörsaal Radingers, der auch sonst bei dessen Vorlesungen stets gut besucht war, noch nie soviele Hörer hatte auf nehmen müssen, wie bei dieser Vorlesung, die nicht Ra dinger selbst, sondern sein Schüler Kress gehalten hat.
Wenn der Spruch, daß dauernde und enge Berührung mit der Jugend den Alternden jung erhält, eine richtige Erkenntnis vermittelt, dann hat Kress während der auf den Bänken der Vorlesungssäle und vor den Zeichentischen der Wiener Technischen Hochschule verbrachten Stunden dieses Lehrjahres reichlich Gelegenheit gehabt, aus solchem Jungbrunnen zu trinken. Kress, der in dem Jahrzehnt seines Lebens, das nun folgte, der Welt den unumstößlichen Beweis seiner jugendlich gebliebenen Spannkraft erbringen konnte, muß aber auch die natürliche Veranlagung besessen haben, lange jung zu bleiben. Es ist dies eine Eigenschaft, die wie stets, so auch bei ihm, die Kehrseite der späten Reife, des späten zur Wirksamkeit Gelangens hatte, jene Auswirkung des Charakters, die — wie man sehen wird — die Tragik gerade dieses Erfinderlebens ausmachte. Nun aber galt noch, was Radinger in fröhlicher Stunde im Kreis der Hörer zu seinem grauhaarigen Schüler Kress sagte: „Er wünschte den Jungen, sie möchten ihr Herz stets so jung erhalten, wie sein ältester Hörer Kress.“
Auf die jugendlichen Hörer aber, für die Kress doch ein durch ein sonderbares Geschehen in ihren Kreis geratener „alter Herr“ blieb, machte die große Aufmerksamkeit, mit der dieser den Lehren Radixgers folgte, der große Eifer, mit dem er im Zeichensaal arbeitete, einen tiefen Eindruck. Dieser bildete in Wechselwirkung zwischen den Generationen für die Jungen, die mit Kress „auf der Schulbank zusammen saßen“, einen Ansporn zur Hochleistung und dies nicht nur für die Zeit des Zusammenseins selbst, sondern auch für ihr späteres Leben. Viele dieser bald darauf in den Ingenieurberuf Aufrückenden sind durch den Zufall, der sie damals mit Kress zusammenführte, Verfechter des Fluggedankens geworden; einige von ihnen wurden hierdurch sogar bei ihrer Berufswahl bestimmend beeinflußt. Unter diesen hat ein später oft genannter Flugzeugkonstrukteur selbst mitgeteilt, daß er durch sein damaliges Zusammensein mit Kress zur Beschäftigung mit der Flugtechnik hingeleitet wurde.
Wenige Monate, nachdem Kress seine Lehrzeit an der Wiener Technischen Hochschule beendet hatte, trat in Wien die Deutsche Naturforscher-Versamin- lung zusammen. In den Tagen der Vorbereitung dieses Kongresses wurde Professor Dr. Ludwig Boltzmann , 5 der aus diesem Anlaß einen Vortrag „Über Luftschiffahrt“ angekündigt hatte, wenige Tage vor diesem von dem rührigen Förderer der KRESSschen Sache Zisarsky, einem Mitglied des Nieder- österreichischen Gewerbevereins, der auch selbst auf dem Gelbiet der Flug- teöhnik arbeitete, zu einem Besuch bei Kress veranlaßt. Dieser fand am 20. September 1894 statt. Zisarsky holte Boltzmann ab und führte ihn in die Waaggasse, wo der Erfinder eine Hofwohnung innehatte, die aus drei, in
Teehnikgescliichte, lü. Heft.
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