Aufsatz 
Wilhelm Kress : ein österreichischer Pionier der Luftfahrt / von Erich Kurzel-Runtscheiner
Entstehung
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Erich Kurzel-Runtscheiner

einer Reihe liegenden großen Zimmern bestand. Das letzte dieser Zimmer war durch eine dicht verhängte Glastür gegen die übrige Wohnung abgeschlossen und als Werkstatt eingerichtet. Hier verwahrte Kress auch die von ihm Drachenflieger genannten Modelle, die er nur guten Freunden und gläubigen Anhängern zu zeigen pflegte. Öffnete man die Flügeltüren zwischen den Zim­mern, dann entstand eine etwa 15 m lange geradlinige Flugbahn, die Kress für die Versuche und für Vorführungen verwenden konnte.

Kress legte Boltzmann seine Ideen dar, und ging dann zur Vorführung seines größten Flugmodells über. Dieses nahm Anlauf auf einem Tisch, hob sich von diesem ab und schwebte langsam in voller Stabilität durch die drei Zimmer, um in dem letzten an der Wand langsam niederzugleiten. Daß Boltz­mann, als er dies sah, erbleicht und wie entgeistert in einen Lehnstuhl ge­sunken sei, ist eine durch einen späteren Bericht Zisarskys entstandene Fabel. Denn so behauptete Zisarsky das eben Erlebte wäre im vollsten Gegen­satz zu jenen Schlußfolgerungen Boltzmanns über die Möglichkeiten des Men­schenfluges gestanden, in denen sein Vortrag hätte gipfeln sollen. Für Boltz­manns in diesem Punkt vertretene Lehrmeinung, die, wie der am Tage des Vor­trages in der Wiener TageszeitungNeue Freie Presse erschienene ausführ­liche Bericht zeigt, die Möglichkeit des mechanischen Fluges bejahte, war der ihm von Kress vorgeführte Versuch nichts anderes als die Bestätigung einer theoretisch gewonnenen Erkenntnis durch die Tat.

Boltzmann erbat sich daher eines der KRESsschen Modelle, um es in seinem Vortrag vorführen zu können. Kress willfahrte dem Wunsch mit Freuden, stellte jedoch die Bedingung, daß er selbst sein Modell bedienen könne. Der Vortrag Boltzmanns, in dem dieser einen Querschnitt des damaligen Standes der Luftfahrttechnik gab, fand am 26. September 1894 im Großen Musikvereins­saal statt und löste durch die neuartigen Gesichtspunkte, die der Vortragende entwickelte, das größte Interesse aus. Als Boltzmann im Zuge seiner Darlegun­gen auf die Möglichkeit zu sprechen kam, mit Flugmaschinenschwerer als Luft das Flugproblem izu lösen, gab er Kress, der in der Nähe des Vortrags­pultes seinen Platz erhalten hatte, ein Zeichen. Kress löste die Hemmung der Luftschrauben des großen Modells, das er vorbereitet hatte, und dieses schwebte majestätisch bis an das Ende des iSaals, wo es einer in einer Loge sitzenden Dame in die Arme flog.Damit ist die Unrichtigkeit der alten Formeln er­wiesen, erklärte Boltzmann jetzt,und der Beweis geliefert, daß die Lösung des Flugproblems nicht nur möglich ist, sondern auch schon nach kurzer Zeit gelingen muß (Bild 6).

Kress aber hatte mit seiner Vorführung, die zum erstenmal ein inter­nationales Forum von Männern der Wissenschaft mit seiner Erfindung be­kanntmachte, reichen Beifall geerntet und wurde nun auch im Ausland bekannt und berühmt. Zu diesem Erfolg hat insbesondere der bereits erwähnte Artikel in derNeuen Freien Presse, der damals bedeutendsten Tageszeitung Wiens, bei­getragen, in dem auch über Kress und den Flug seines Modells berichtet wurde. Es war dies das erstemal, daß in einer Tageszeitung ein Hinweis auf Kress enthalten war. Später allerdings ist dieser von Seiten der Wiener Presse stets