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Erich Kürzel- Runt schein er
Kress bewunderte die Leistung Lilienthals vorbehaltlos, ließ sich aber durch das Gesehene nicht davon abbringen, geradewegs auf sein Ziel loszusteuern. Dieses aber war und blieb: Der Motorflug.
Um diesen endlich verwirklichen zu können, hielt Kress am 13. Februar 1898 im Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein einen Experimentalvortrag, in dem er darauf hinweisen konnte, daß er nun die Pläne zum Bau eines Drachenfliegers solchen Ausmaßes fertiggestellt habe, daß damit ein bemannter Aufstieg unternommen werden könne. Bald darauf erschien eine Werbeschrift unter dem Titel „Flugtechnische Übersicht und Begutachtung der KRESSschen Experimente“, die von den namhaftesten Wiener Flugtechnikern unterzeichnet, vom Wiener „Flugtechnischen Verein“ herausgegeben wurde.
Die Werbeschrift batte die Bildung eines „KRESS-Komitee“ zur Folge. Dieses sollte durch Sammlung den Betrag von 40 000 K (österr. Kronen) aufbringen und damit den Bau eines großen Drachenfliegers ermöglichen, der mit zwei Mann Besatzung aufsteigen sollte.
Besonders wertvoll war es, daß in diesem Augenblick Professor Radinger mit der ganzen Macht seines Ansehens für Kress eintrat. Dies geschah durch Veröffentlichung eines am 14. August 1898 in der „Neuen Freien Presse“ erschienenen umfangreichen Artikels Radingers „Das Flugschiff von Kress“, eine Abhandlung, die dann auch als Sonderabdruck verbreitet wurde.
Dem KRESS-Komitee gelang es zunächst, 20 000 K zusammenzubringen, zu denen bald darauf, durch eine 5000 K-Spende aus der Privatschatulle Kaiser Franz Josephs angeregt, weitere 18 000 K kamen. Diese Summe ermöglichte es dem nun 62jährigen Kress, in jugendlicher Schaffensfreude an die Verwirklichung jener Flugzeugpläne zu schreiten, die er schon lange fertiggestellt hatte.
ln den Jahren 1898 bis 1900 wurde der als Wasserflugzeug ausgebildete, einen Mann als Besatzung tragende Drachenflieger erbaut. Besonders bemerkenswert ist, daß hier erstmalig in der Geschichte der Flugtechnik der Knüppel zur Mehrfachsteuerung — der Apparat besaß Seiten- und Höhensteuer, die Verwindung war noch nicht bekannt — angewendet worden ist. Die von Kress erfundene Steuerung besaß die für die neuzeitige Knüppelsteuerung charakteristischen freiwählbaren Betätigungsmöglichkeiten (siehe S.54, Anlage 1). Da ein Freiflug des KRESSschen Drachenfliegers niemals erfolgt ist, konnte seine Mehrfachsteuerung allerdings einer Erprobung in der Luft nicht unterzogen werden. Sie hätte aber sicher einer mit ihr ausgerüsteten Flugmaschine zumindest jene Flugeigenschaften verbürgt, die die zwischen 1905 und 1908 erfolgreichen, in Frankreich gebauten Flugmaschinen Europas besaßen. Denn auch diese wurden erst mit Verwindung ausgerüstet, nachdem deren Vorzüge durch die Flugvorführungen der Brüder Wright erkennbar geworden waren.
Der KRESSsohe Drachenflieger sollte vom Tullnerbacher Stausee der Wientalwasserleitung aus aufsteigen. Über einen Besuch in Tullnerbach und über das Bild, das die bis auf den Einbau des Motors fertiggestellte Flug-