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Erich Kürzel-Runtschefner
nur schwer heilten. Aber es strahlte von ihm auch eine unerschöpfliche Anregung aus, deren Bedeutung für die Entwicklung der Aviatik in Österreich von der jüngeren Generation, die nicht mehr das Glück hatte, zu den Füßen des Meisters zu sitzen, kaum richtig eingeschätzt werden kann.“ Von ihm, als einem der Wegbereiter des Motorf luges, gilt Oswald Spenglers Wort: „Alle großen Erfindungen sind in der Tiefe langsam gereift, durch vorwegnehmende Geister verkündigt und versucht worden, um mit Notwendigkeit eines Schicksals endlich hervorzubrechen.“
Der Überblick, den die Generation von heute über die Entwicklungsgeschichte des Flugzeuges bereits gewinnen kann, zeigt Kress weder als ersten noch als einzigen, sondern als einen von vielen in der Reihe jener Pioniere, deren Wirken die Grundfesten bildet, auf denen das Flugwesen von heute aufgebaut werden konnte. Denn schon 1842 hat der Engländer Henson die entscheidenden Merkmale, die ein Flugzeug besitzen muß, nämlich die starren Tragflächen, die motorisch betriebene Propellerschraube und die als Leitwerk auszubildende Schwanzflosse intuitiv vorgezeichnet. Der Franzose Penaud brachte 1871 erstmalig ein Flugzeugmodell zum freien Flug. Otto Lilienthal ist mit Recht „der erste Flieger“ genannt worden; denn er unternahm seit dem Jahre 1891 Gleitflüge, die ihn endlich über Flugstrecken von 1 / 4 km durch den Luftraum führten. Der Amerikaner Langley hat 1893 den ersten motorisch betriebenen Modell-Drachenflieger zum Aufstieg gebracht. In der Zeit knapp vor der Jahrhundertwende — also vor dem Bau von Kress’ großem Drachenflieger — wurde durch die Franzosen Tatin und Ader, durch den Australier Hargrave, durch den insbesondere als Erfinder des Maschinengewehrs bekannt gewordenen Engländer Maxim bedeutsame flugtechnische Pionierarbeit/geleistet. Zur selben Zeit haben sich die Österreicher von Lössl und Wellner insbesondere um die Klärung der theoretischen Grundlagen der Fluglehre verdient gemacht. Sie alle sind Vorläufer des Fluggedankens und Mitkämpfer in jenem Kampf, dem Wilhelm Kress sein Leben gewidmet hat.
Unter all den Pionieren des Fluges ist Lilienthal einerseits und Kress anderseits dem Ziel, das für sie nur in der Ermöglichung des Fluges mit Apparaten „schwerer als Luft“ bestehen konnte, am nächsten gekommen. Auch Lilienthal und Kress aber haben dieses Ziel noch nicht zu erreichen vermocht. Die Gründe für das Versagen im letzten, steilsten Ende des Weges zum Ziel sind die folgenden:
Lilienthal hatte erkannt, daß das Fliegen — ebenso wie jedes andere sportliche Können — erlernt werden müsse; er übte daher auf Grund theoretischer, in langwieriger Ingenieurarbeit gewonnener Erkenntnisse den Gleitflug und erreichte darin eine Fertigkeit, wie kein Zweiter in jener Zeit. Der Übergang zum motorisch betriebenen Flugzeug sollte erst später gewagt werden. Sein fliegerischer Opfertod hinderte ihn an der Ausführung dieses Planes.
Kress dagegen hatte nur ein Ziel: den motorischen Flug. Er hatte zwar die Notwendigkeit des Erlernens der Fliegekunst erkannt, sich aber nicht wie Lilienthal die Möglichkeit geschaffen, die notwendigen Vorübungen durch- zn führen. Kress 'hätte wahrscheinlich auch dann scheitern müssen, wenn ihm