Aufsatz 
Wilhelm Kress : ein österreichischer Pionier der Luftfahrt / von Erich Kurzel-Runtscheiner
Entstehung
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Wilhelm Kress.

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der Motor jener Leistung je Gewichtseinheit zur Verfügung gestanden wäre, der ihm den Aufstieg in den Luftraum ermöglicht hätte. Daß er mit dem zu schweren Motor und ohne jede fliegerische Vorübung praktische Versuche mit seinem Flugzeug unternahm, ist sein schuldhafter Fehlgriff, ist der Grund, warum seiner Pionierarbeit der endgültige Erfolg versagt blieb.

Die Brüder Wright aber, denen endlich am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk der erste motorische Flug gelang, haben in folgerichtigem Erkennen sich zunächst einerseits als Gleitflieger die notwendige Übung des Fliegens er­worben und anderseits den ersten Flugmotor konstruktiv entwickelt. Das richtige Erfassen dieser beiden Voraussetzungen des Fluges und der Umstand, daß sie hier erstmalig in restlosem Zusammenwirken verwirklicht wurden, sind die Grundlagen des epochemachenden Erfolges, den die Brüder Wright erlangen. Dieser ist ihnen daher nicht etwa unverdient zugefallen, sie haben sich ihn erzwungen, indem sie zielbewußt die Voraussetzungen herbeiführten, die ihn ermöglichen mußten.

Trotz alledem und trotz der tiefen Tragik, die die Gestalt des Wilhelm Kress umgibt, kann von ihm mit Recht behauptet werden, daß er zu den wenigen Auserwählten gehört, deren schöpferischer Geist der Luftfahrt Rich­tung und Ziel gesetzt hat. Doch von ihm gilt der Spruch:

Ikarus machte sich Flügel und stürzte mit ihnen zum Grunde,

Ehret, was wollend erlag: Solches erwarb uns den Flug.

Anmerkungen.

(1) Georg Wellner (18461909), ein gebürtiger Prager, erhielt seine Ingenieur­ausbildung am Polytechnischen Institut seiner Vaterstadt. Nachdem er bei verschie­denen Maschinenfabriken Böhmens tätig gewesen war, wurde er 1876 an die deutsche Technische Hochschule nach Brünn berufen. Bis 1880 Dozent, dann außerordentlicher Professor, übernahm er 1886 die Lehrkanzel für Maschinenbau dieser Hochschule und lehrte an dieser bis zu seinem Tode. Ein Sondergebiet seiner Forschungsarbeit und Er­findertätigkeit war die Luftfahrt. Aufsehen erregte die von ihm vorgeschlagene Segel- radflugmaschine. 1880 und 1882 erschien in Brünn sein BuchÜber die Möglichkeit der Luftschiffahrt.

(2) Friedrich Ritter von Lössl (18171907), siehe dessen Lebensbild S. Iff. dieses Heftes.

(3) Octave Chanute (18321910) kam, in Paris geboren, sechsjährig mit seinem Vater, als dieser eine Berufung als Professor der Geschichte an das Jefferson College in Louisiana annahm, nach USA. In Louisiana und in New York erzogen und nach seinen eigenen Wortengründlich amerikanisiert, trat er, siebzehnjährig, als einfache Hilfskraft in den Eisenbahndienst. 31 Jahre alt, wurde er schon leitender Ingenieur der Chicago-Alton Eisenbahnen (1863), für die er unter anderem den Bau der Union Stock- yards in Chicago und jenen der ersten Missouribrücke (bei Kansas City 1868) leitete. 1873 wurde Chanute erster Ingenieur der Erie-Eisenbahnen und Vorsitzer einer Kom­mission, die in zweijähriger Arbeit ein Gutachten über die Neuplanung der Verkehrs­verhältnisse New Yorks verfaßte, das zum Bau der ersten Hochbahnen in dieser Stadt führte. 1884 ließ sich Chanute als beratender Ingenieur in Kansas City nieder und übersiedelte 1889 in gleicher Eigenschaft nach Chicago. Erst hier fand er die Zeit, sich seinen flugtechnischen Studien, mit denen er sich schon seit 1874 fallweise beschäftigt hatte, voll zu widmen. Mit allen auf diesem Gebiet bedeutenden Personen seiner Zeit trat er in Gedankenaustausch und verarbeitete das eingegangene Material in sorgfäl-