Aufsatz 
Wilhelm Kress : ein österreichischer Pionier der Luftfahrt / von Erich Kurzel-Runtscheiner
Entstehung
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Erich Kurzel-Runtsciieiner

Steuersäule), das instinktiv erfolgt, wenn sich das Flugzeug nach rechts neigt, muß den rechten Tragflügel heben, den linken in die Waage herunterdrücken und umgekehrt.

Wilhelm Kress stattete seinen 18981900 gebautenGroßen Drachen­flieger, dessen Entwurf die physikalischen Gesetze in einem Maß berücksich­tigte, daß beim Zurverfügungstehen eines geeigneten Motors der Aufstieg sicher hätte erfolgen können, mit einer Mehrfachsteuerung aus. Die Betäti­gung aller Steuerflächen war vom Führersitz aus mittels eines Steuerknüp­pels durchzuführen. Dies beweisen eine in der von Kress 1905 niedergeschrie­benen VeröffentlichungAviatik. Wie der Vogel fliegt und wie der Mensch fliegen wird wiedergegebene Strichzeichnung und Handskizzen, die in dem die Jahre 18751913 umfassenden, im Wiener Technischen Museum verwahr­ten KRESS-Archiv gefunden wurden. Mit dem Steuerknüppel konnte durch Drücken und durchZiehen das Höhensteuer, durch seitliches Neigen das Seitensteuer betätigt werden. Je nach Notwendigkeit konnten die beiden Steuer­bewegungen gesondert oder gleichzeitig eingeleitet werden. Daß diese Mög­lichkeiten von Kress vorgesehen waren, beweist ein Augenzeugenbericht, der in der damals in Frankfurt a. M. erscheinenden ZeitschriftKleine Presse am 7. Mai 1901 veröffentlicht wurde, durch den Satz:Auf einen Hebeldruck des Erfinders setzte sich das rückwärts befindliche Horizontal- und Vertikal­steuer gleichzeitig in Bewegung.

Die Steuerung, die Wilhelm Kress verwendete, besaß also schon, wenn sie auch die erst später bei praktischen Flugversuchen sich notwendig erweisende Verwindung noch nicht kannte, die für die neuzeitige Knüppelsteuerung charakteristischen frei wählbaren Betätigungsmöglichkeiten. Da ein Aufstieg des KRESSsohen Drachenfliegers niemals erfolgt ist, konnte die von ihm er­fundene Steuerung allerdings einer Erprobung in der Luft nicht unterzogen werden. Sie verbürgte aber sicher einer mit ihr ausgerüsteten Flugmaschine zumindest jene Flugeigenschaften, die die zwischen 1905 und 1908 erfolg­reichen, in Frankreich gebauten Flugmaschinen Europas besaßen. Denn auch diese wurden erst mit Verwindung ausgerüstet, nachdem deren Vorzüge durch die Flugvorführungen der Brüder Wright erkennbar geworden waren.

Auf eine Knüppelsteuerung und auf die der jetzt verwendeten ent­sprechende Wirksamkeit hatte kurze Zeit vor der Durchführung der ersten Flüge mit WRiGHTschen Flugmaschinen in Europa (8. August 1908 auf der Rennbahn Runaudiere bei Le Mans) der Franzose Esnault-Pelterie am 19. De­zember 1906, am 19. Januar 1907 und am 22. Januar 1907 Patente angemeldet, die ihm in Frankreich unter Nr. 372.753, 373.768 und 373.818 auch erteilt wur­den. Der Schutz dieser Erfindung schien zunächst völlig wertlos zu ©ein; selbst Esnault-Pelterie kümmerte sich nicht um seine Patente. Nachdem jedoch die Knüppelsteuerung allgemein zur Annahme gekommen war, wurde von seiten der nunmehrigen Patentinhaber gegen diejenigen, die sich in Frankreich der Knüppelsteuerung bedienten, ein Patentverletzungsprozeß angestrengt. Dieser endete nach Ausschöpfung des Instanzenzuges mit einer Verhandlung vor dem Pariser Appellationsgericht am 17. Mai 1923. Er war einer der bedeutendsten,