Aufsatz 
Ingenieur Gustav Adolf Wayß : ein Bahnbrecher des Stahlbetons ; ein Beitrag zur Geschichte der Technik / von Rudolf Saliger
Entstehung
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Rudolf Saliger

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Austritt von Diss führte Wayss das Unternehmen allein weiter. Er befaßte sich zuerst mit Stampfbetonbauten, mit der Herstellung wasserdichter Keller und rißfreier Gehwege aus Beton. Sie fanden viel Anklang und Verbreitung in der ganzen Rhein- und Maingegend.

Während eines Besuches bei Martenstein und Josseaux in Offenbach wurde Wayss auf das System Monier aufmerksam, das die genannte Bau- Firma ausführte.

Josef Monier (18231906) war Besitzer einer großen Gärtnerei in Paris. Um seine Blumenkübel dauerhafter als hölzerne und leichter als steinerne her­zustellen, verstärkte er den Zementmörtel durch ein in ihn eingebettetes Draht­geflecht. Das erste MoNiER-Patent stammt vom 16. Juli 1867 und bezieht sich auf die Herstellung beweglicher Gefäße für Gärtnereizwecke. Ihm folgten mehrere Zusatzpatente. Mangels geschäftlicher Auswertung, die eine Folge der vollständigen Unkenntnis der technischen Bedeutung der Verbindung von Zement und Eisen war, ließ Monier seine Patente im Jahr 1875 verfallen. Für das Auf und Ab seiner Gedankengänge ist kennzeichnend, daß Monier im Jahr 1878 ein neues Patent auf seine Erfindung nahm, das als das eigent­liche Monier -Patent bezeichnet zu werden pflegt. Auch in diesem ist die Lage der Eisen den statischen Erfordernissen nicht angepaßt. Es deutet nichts darauf hin, daß dem Patentinhaber die Festigkeitswirkung der Eiseneinlagen im statischen Sinn zum Bewußtsein gekommen wäre. Dies ist auch bei seiner Berufsstellung als Gärtner fast selbstverständlich. Das gleiche gilt vom deut­schen Monier -P at ent, das aus dem Jahr 1880 stammt. Monier hatte als Nichttechniker das wesentliche der Verbindung vom Beton mit Eisen nicht er­kannt. Es handelte sich ihm um eine rein gefühlsmäßige Verstärkung des Zementmörtels mit einem formgebenden Eisennetz. Monier konnte daher auch keine technische Entwicklung einleiten. Erst in der Hand der Ingenieure ge­wann die Erfindung Moniers Wert und Bedeutung.

AVayss unternahm eine Studienfahrt nach Paris und verhandelte selbst mit Monier. Dieser hatte im Jahr 1884 seine Patente der Firma Freytag &Heidschuch in Neustadt a. d. Hardt und an Martenstein & Josseaux über­tragen, die im darauffolgenden Jahr 1885 ihre Rechte an Wayss abtraten. Die deutsche Urkunde darüber ist an Wayss übergegangen. Um die Ausbeutung des Patents besser durchführen zu können, verlegte Wayss sein Unternehmen alsbald nach Berlin und gründete dort eine Unternehmung für Beton und eisenbewehrte Zementbauten, die spätere Aktiengesellschaft für Beton- und Monier -B au.

Dort lernte Wayss den fast gleichaltrigen Regierungsbaumeister Matthias Koenen (18501924) kennen, der als Statiker beim Bau des Berliner Reichs­tagsgebäudes tätig war und schon damals einen geachteten Namen hatte. Koenen führte für die WAYSSeche Firma nebenamtlich durch einige Zeit die statischen Berechnungen aus.

Da festigkeitstheoretische und auf Versuche gegründete Kenntnisse über das Zusammenwirken von Beton und Eisen da­mals noch vollständig fehlten oder in Deutschland und im Ausland bis