Aufsatz 
Ingenieur Gustav Adolf Wayß : ein Bahnbrecher des Stahlbetons ; ein Beitrag zur Geschichte der Technik / von Rudolf Saliger
Entstehung
Seite
65
Einzelbild herunterladen

Gustav Adolf Wayss.

65

dahin gänzlich unbekannt waren, und um die Behörden und großen Bauherrn von der technischen Brauchbarkeit der MoNiERschen Bauweise zu überzeugen, stellte Gustav Adolf Wayss in Zusammenarbeit mit Matthias Koenen, fast zwei Jahrzehnte nach dem ersten MoNiER-Patent, soweit bekannt als erster In­genieur, ein Programm für Belastungsversuche auf, die im Jahr 1886, zum Teil unter Mithilfe von Professor Bauschinger in München, ausgeführt wurden. Das Ergebnis der Versuche ist in der sogenannten Monier- Bro­schüre 1887 veröffentlicht. Sie trägt den Titel:Das System Monier (Eisen­gerippe mit Zementumhüllung) in seiner Anwendung auf das gesamte Bau­wesen. Unter Mitwirkung namhafter Architekten und Ingenieure heraus­gegeben von G. A. Wayss, Ingenieur, Inhaber des Patentes Monier in Wien. Koenen schied im Jahr 1888 aus dem Staatsbaudienst und trat als Statiker in die von G. A. Wayss gegründete Gesellschaft für Beton- und Monier- Bau. Wayss übergab im Jahr 1892 die Leitung der Baugesellschaft ganz an Koenen, der ihr jahrzehntelanger Direktor wurde. Wayss schied bald darauf aus seiner Firma und gründete mit Freytag und Heidschuch die Bauunter­nehmung Wayss & Freytag in Neustadt a. d. Hardt für Deutschland und die Firma G. A. Wayss & Co. in Wien für Österreich. Die maßgebende Rolle von Wayss in diesen Unternehmungen ist durch deren Namen und dadurch gekenn­zeichnet, daß die Gesellschafter Nichttechniker waren. Wayss war nicht nur das Oberhaupt seiner Unternehmungen, sondern auch ihre technische Seele.

Wayss übersiedelte im Jahr 1903 ganz nach Wien, wo ihm die Regierung ehrenhalber den Titel eines k. k. Baurats verlieh. Er verbrachte die Hälfte seines schaffenden Lebens überwiegend oder ganz in Österreich und fühlte sich selbst unserm Land zugehörig. Anstrengende berufliche Tätigkeit und geschäft­liche Aufregungen, große Reisen nach Rußland, Frankreich, England und in die Südostländer, Patentprozesse und finanzielle Mißerfolge bei großen Bauten untergruben seine Gesundheit. Zur Erholung zog er sich nach Waidhofen a. d. Ybbs zurück, wo er am 19. August 1917, kaum 66jährig, starb.

b) Die Monier Broschüre.

Die von Wayss und seinen Mitarbeitern verfaßte Schrift wurde in 10 000 Stücken hergestellt und verbreitet. Sie ist zwar aus geschäftlichen Erwägun­gen und zur Anpreisung der neuen Bauweise entstanden, aber als Darstellung ihrer Eigenschaften und der durchgeführten Versuche eine grundlegende Ar­beit der Technik, die keine Vorgänger auf deutschem und ausländischem Boden besitzt. Durch sie und die folgenden Arbeiten ist Gustav Adolf Wayss zum Bahnbrecher des deutschen und österreichischen Stahlbetonbaues geworden.

Die Vorgänger Moniers, wie Lambot, der ein Boot aus Zementmörtel mit Eisengerippe auf der Pariser Weltausstellung 1855 zeigte, der Ingenieur Coignet, der Träger und Röhren neben Monier auf der Weltausstellung 1867 zeigte, sowie die Amerikaner Ward, der 1875 ein Stahlskelettge-bäude zum Feuerschutz mit Beton umhüllte, und Hyatt, der 1877 ein Patent auf mit Pro­fileisen bewehrte Träger nahm, hatten zwar ebenfalls die körperliche Verbin­dung von Eisen und Beton angewendet, aber sie haben, gleich wie Monier, das