Aufsatz 
Ingenieur Gustav Adolf Wayß : ein Bahnbrecher des Stahlbetons ; ein Beitrag zur Geschichte der Technik / von Rudolf Saliger
Entstehung
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Gustav Adolf Watss.

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um das Vielfache höhere Tragkraft besitzen als solche Platten ohne Be­wehrung, daß also ein Zusammenwirken des Eisens mit dem Zementmörtel stattfinden müsse, daß durch die Anordnung jedes dieser Stoffe an der richtigen Stelle, insbesondere des Eisens in der Zugzone, eine gemeinsame Wirkung erzielt werde undkeine bloße Erfinderphantasie vorliege. Aus älteren For­schungen sowie auf Grund der von ihm ausgeführten Versuche beweist Wayss, daß die Wärmedehnung von Beton und Eisen nahezu gleich sei, daß also die vorkommenden Wärmeänderungen den Verbund zwischen den beiden Stof­fen nicht störe. Die durchgeführten Br and versuche beweisen dieses Ver­halten auch für Feuerbrünste.

Wayss hat frühzeitig, als einer der ersten, wenn nicht als der erste über­haupt, in richtiger Weise die Bedeutung und Wirkung der unter 45° auf­gebogenen Schrägeisen erkannt und sie angewendet.

Tn der Broschüre werden ferner die für die Anwendung der neuen Bau­weise wichtigen Gesichtspunkte ausführlich dargestellt, wie Dauerhaftigkeit, Raumersparnis, Schnelligkeit der Ausführung, Billigkeit, gesundheitliche Vor­teile der MONIER-Decken, die Behandlung der Zementmörteloberfläche, leichte Formgebung, künstlerische Gesichtspunkte u. a.

Einen wichtigen Abschnitt des Buches bildet die von Koenen auf Grund der WAYSSschen Versuche aufgestellte Theorie der Betonplatten und Gewölbe mit Stahleinlagen. Die Biegeberechnung ist erstmals im Zen­tralblatt der Bauverwaltung vom 20. November 1880 veröffentlicht auf Grund der bis dahin nicht vorhanden gewesenen, aber vollkommen klaren Erkenntnis, daß der Beton den Druck, die Einlagen die Zugkräfte aufzunehmen haben und daß für die Tragsicherheit die Zugfestigkeit des Zementmörtels zu vernach­lässigen sei. Koenen nimmt eine dreieckförmige Verteilung der Druckspan­nungen an. Die Nullinie errechnet er jedoch nicht auf Grund der Elastizitäts­verhältnisse der beiden Stoffe oder anderer statischer Bedingungen, sondern nimmt sie wie in der homogenen Platte in der Mitte liegend an. Dies ist vor­erst noch eine Willkür der theoretischen Betrachtung, bei der die Lage der Nullinie des homogenen Rechtecks ganz einfach auf den inhomogenen Eisem- betonquerschnitt übertragen wird. Infolge dieser Annahme konnte naturgemäß die Größe der Randpressung theoretisch zutreffend nicht ermittelt werden. Indessen ist der dadurch begangene Fehler gegenüber der theoretisch zutref­fenden und später verfeinerten Berechnung ganz und gar nicht wesentlich. Die Berechnung der Eisenzugspannungen ist nahezu ganz zutreffend. Auf Grund der in dieser Schrift niedergelegten Erkenntnis sind fast alle Systeme der Entwicklungszeit entstanden und die ausgeführten Bauten mit hinreichen­der Sicherheit entworfen worden.

c) Die ersten WAYSSschen Versuche und Bauausführungen.

Die Versuchskörper Nr. 1 bis 3, die in der WAYSSschen Broschüre beschrieben sind, waren MoNiER-Bogen von 5 cm Dicke, 4,5 in Spannweite und 1,4 m Pfeil. Das vierte Versuchsgewölbe hatte 8 m Spannweite und 0,8 m Pfeil bei gleicher Scheiteldicke. Die Bewehrung bestand bei zwei Bogen aus einem