Aufsatz 
Ingenieur Gustav Adolf Wayß : ein Bahnbrecher des Stahlbetons ; ein Beitrag zur Geschichte der Technik / von Rudolf Saliger
Entstehung
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Rudolf Saligkr

wiegen. Es gibt mehrere Deckensysteme, bei denen zwischen die erhärteten Fertigbetonbalken hohle Formsteine eingelegt werden. An Stelle dieser Steine können auch Rohrzellen Verwendung finden. Dadurch wird eine ganz erheb­liche Verminderung des Deckengewichts erzielt. Die Rohrzellen dienen auch zur Bildung von Isolierschichten und zur Herstellung von allseits geschlosse­nen Hohlsteinen und Platten, mit Abmessungen, die den statischen Anforderun­gen entsprechen.

Pfostenträger.

Im Jahr 1901 erhielt Wayss das österreichische Patent auf die Herstellung von Eisenbetonträgern, bei denen dadurch an Baustoff gespart wird, daß statisch weniger wirksame Betonteile weggelassen werden. Die Träger be­stehen demnach aus dem Ober- und Untergurt und lotrechten Ständern oder Pfosten ohne schräge Wandglieder. Man nennt sie daher Pfostenträger. Träger grundsätzlich gleicher Bauart aus Stahl hat sei 1897 der belgische Ingenieur Vierendeel theoretisch begründet, berechnet und ausgeführt. Die Tragwerkc führen deshalb auch den Namen ViERENDEEL-Träger. Sie haben im Stahl­betonbau eine weit größere Anwendung als im Stahlbau gefunden, da ihre Eigenart dem Massivbau angepaßt ist. Wayss bat mehrere größere Brücken in dieser Bauart ausgeführt, darunter die im technischen Schrifttum häufig er­wähnte Brücke bei Krapina in Kroatien. Thre beiden Hauptträger tragen eine 6 m breite Brückenfahrbahn, besitzen 19,3 m Spannweite und zeigen je neun Ausnehmungen mit zehn Ständern. Viel häufiger sind Pfostenträger im Hoch­bau ausgeführt worden. Der Schreiber dieses hat die ersten Ausführungen die­ser Art bei Wiener Bauten berechnet und entworfen.

Die Eisengelenkdecke.

Theoretisch bemerkenswert ist der Gedanke der WAYSSschen Eisengelenk­decke. Der Grundgedanke ist der, daß die Stahleinlagen ähnlich wie bei der KLETTschen Decke dem Verlauf der Biegemomente folgen und in den Momen tennullpunkten durch Gelenke unterbrochen sind. Die Anordnung gestattet, die Stärke der Bewehrung dem Momentenbedarf anzupassen und dadurch Erspar­nisse zu erzielen. In der Baupraxis ist dieser Erfolg nicht eingetreten und auch sonst hat die Decke die gehegten Erwartungen nicht erfüllt.

Das Wiener Modelltheater.

Der Ringtheaterbrand vom 8. Dezember 1881 und die Zerstörung des Iro- quois-Theaters in Chicago im Jahre 1902 gab dem österreichischen Ingenieur- und Architektenverein Anlaß zur Planung von Versuchen über die Feuersicher- heit der Theater an einem Modellhaus, um einerseits zu erproben, wie weit die jetzt bestehenden Vorschriften für Theaterbauten ausreiohen und um anderseits aus den Probebränden mit möglichster Sicherheit jene Schlüsse zu ziehen, die für die Änderung und Ergänzung des Theatergesetzes als Grundlage zu dienen hätten. Das Modelltheater wurde von G. A. Wayss auf dessen Werkplatz in Wien größtenteils ohne Entgelt, wie in einer Denkschrift über die Versuche 1906 hervorgehoben ist, errichtet. Das Gebäude war vollständig aus bewehrtem