Rudolf Diesel und der Automobilmotor,
Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeug-Diesels unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Ludwig Löhners darin.
Von
Paul Siebertz.
Sowohl in Eugen Diesels prachtvollem biographischen Werk über seinen Vater, als auch neuerdings in einer Quellenstudie der ATZ 1 ist Rudolf Diesels Mühen um einen Fahrzeugmotor besprochen. Es lohnt sich also wohl, diese für die Geschichte der Technik interessante Frage einmal gründlicher und bis zu ihren ersten Anfängen zurückzuverfolgen.
Im Juni 1895 wurde auf der Straße Paris—Bordeaux das zweite „Internationale Rennen“ für Kraftfahrzeuge ausgetragen, an dem sich zweiundzwanzig Fahrzeuge der verschiedenartigsten Konstruktionen beteiligten: Wagen mit Benzinmotoren, Dampfkutschen und Elektromobile. Diese, nach damaligen Begriffen bereits scharfe Prüfung der „Wagen ohne Pferde“ entschied eindeutig zugunsten der Benzinmotoren; die Wagen mit Kraftmaschinen der beiden Deutschen Gottlieb Daimler und Karl Benz schlugen jede Konkurrenz so überlegen, daß die französische Sportzeitschrift Le Velo nach diesem Rennen feststellte, für den schienenlosen Straßenverkehr würde künftighin die Dampfkutsche ausscheiden und „nur mehr der leichte Wagen mit leichtem Motor in Frage kommen“. Unmittelbar darauf wurde in Paris der Automobile-Club de France gegründet und von diesem für motorisch betriebene Straßenfahrzeuge die Benennung „Automobil“ in den Sprachgebrauch eingeführt — mit einem Schlage war die „Benzinkutsche“ international gesellschaftsfähig geworden.
Diese Entwicklung wurde mit um so größerer Aufmerksamkeit von dem Wiener Ingenieur Ludwig Löhner, dem damaligen Alleininhaber der in aller Welt hochangesehenen Wagenbaufirma Jakob Löhner & Co. 2 verfolgt, als sie auf die Zeit einer bedrohlichen Stockung im Wagengeschäft traf. Im Jahre 1890 war vom Hause Löhner bereits der zwanzigtausendste Wagen ausgeliefert worden; zu
1 ATZ, Autoiuobiltechnische Zeitschrift, 1941, Heft 1, S. 9—17: „Der Weg zum Fahrzeugdiesel. Ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeug-Dieselmotors. Mitteilung aus dem Archiv der M. A. N., Werk Augsburg.“
2 Geschichte des LoHNERschen Unternehmens siehe Viktor Schützenhofer, „Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie“, S. 1 ff. dieses Heftes.