Aufsatz 
Rudolf Diesel und der Automobilmotor : ein Beitrag zur Geschichte des Fahrzeug-Diesels unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Ludwig Lohners darin / von Paul Siebertz
Entstehung
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Paul Siebertz

Dieselmotors ausgearbeitet. In demselben sind jedoch die besonderen Eigenschaften meines Motors noch nicht berücksichtigt und das ganze Projekt beruht noch auf den durch die früheren Motoren hervorgerufenen veralteten Ideen: insbesondere ist vergessen, daß die Geschwindigkeit des Wagens oder sein verschiedener Kraftbedarf, je nach Zustand und Steigung der Straße, nicht wie früher, durch komplizierte, umstellbare Mechanismen reguliert wird, sondern durch einen Hebel am Motor selbst unter Wegfall der bisherigen komplizierten Zwischen-Transmissionen. Ferner ist vergessen, das mein Motor nach Be­lieben abgestellt und ohne Vorbereitung wieder angelassen werden kann, so daß eine Regulierung überflüssig wird. Alle diese Dinge sichern, wenn sie richtig durchgeführt werden, meinem Motor zweifellos den Vorrang. Die Umarbeitung des Projektes in Nürn­berg wird, aus Gründen, welche ich hier nicht erörtern kann, insbesondere auch, weil in Deutschland die Frage der .Automobile* nicht so brennend ist, wie anderswo, sehr lange Zeit beanspruchen und ich glaube nicht, daß man in Wien und Paris auf den Ab­schluß der Nürnberger Arbeiten warten kann.

2. Frankreich. Meine französische Aktien-Gesellschaft, deren Sitz in Bar-le-Duc ist, hat kürzlich mit der Compagnie fran^aise des Moteurs ä Gaz, welche früher die ,Otto- Motoren baute und jetzt (wie übrigens auch die Gasmotorenfabrik Deutz) zu meinem System überging, einen Vertrag abgeschlossen, so daß die Pariser Gesellschaft (welche für den Gasmotorenbau in Frankreich die erste ist) mit uns vereinigt ist. Dieselbe will mit allen möglichen Mitteln an dem großen Frühjahrs-Wettbewerb für Automobile mit meinem Motor teilnehmen. Da wir auch dort auf den Abschluß der Nürnberger Arbeiten nicht warten können, so haben wir beschlossen, daß ein gewiegter Automobil-Spezialist unter meiner Leitung in Deutschland selbst ein Wagenmotor-Projekt ausarbeiten soll, eine Ar­beit, welche meines Erachtens, wenn der betreffende Herr sehr erfahren ist, in 14 Tagen durchführbar ist, da ich persönlich, so weit die Arbeit meinen Motor selbst betrifft, mit meinen Studien bereit bin. Der betreffende Spezialist ist allerdings noch nicht gefunden.

Deshalb schlage ich vor, die drei Sachen Deutschland, Frankreich, Österreich zu ver­einigen, um eine Zersplitterung der Kräfte und der Kapitalisten zu umgehen. Die Erfolge des Einen sind ja ohne Weiteres für den Andern ebenfalls nützlich.

Sollten Sie einen Automobil-Spezialisten in oben angeführtem Sinne zur Verfügung haben, so wäre ja die Frage sofort gelöst. Ich weiß nicht, ob Sie riskieren wollen, in diesem Sinne schon in die Sache einzutreten, ehe Sie mit Herrn Friedrich Krupp, Essen, einen festen Vertrag für Österreich haben.

Deshalb telegraphierte ich Ihnen soeben: .Vor weiteren Verhandlungen mit Krupp erwartet meine Mitteilungen. Diesel.* Ich schreibe in gleichem Sinne noch heute an Herrn Krupp und zeichne, Ihre Rückäußerungen erwartend, hochachtungsvoll Diesel.

Nach Erhalt dieses Briefes hielt Ludwig Löhner es für zweckmäßig, zu per­sönlichen Verhandlungen mit Rudolf Diesel nach München zu reisen und vor allem zu trachten, einen Dieselmotor an Ort und Stelle im Betrieb zu sehen. Tat­sächlich war er vom 23. bis 26. August in München und in Augsburg; Professor Czischek-Christen hatte ihn begleitet. Vom Ergebnis dieser Aussprache mit Diesel und der Besichtigung des Dieselmotors in der Augsburger Maschinen­fabrik heißt es im vorzitierten Bericht der ATZ zwar,Löhner sei von dem Gesehenen so begeistert gewesen, daß er sich in der sicheren Erwartung wiegte, in kürzester Zeit mit Dieselmotoren betriebene Automobile bauen zu können und er habefür die dabei zu verwendenden Dieselfahrzeugmotoren Lizenzrechte für Österreich zu erwerben gewünscht; aber tatsächlich hatte Löhner in Augs­burg sehr wohl erkannt,daß der Dieselmotor in der ihm gezeigten Konstruktion für den Verwendungszweck im Automobilbau offenkundigerweise zunächst un­geeignet war. Deshalb führte er die Verhandlungen über Erwerb der Lizenz­rechte für Österreich von jetzt ab nur mehr mit vorsichtiger Zurückhaltung