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Paul Siebertz
Die Befürchtungen Ihrer Fachleute beziehen sich offenbar auf die Verwendung von Staubkohle, deren Verhalten allerdings vorläufig nicht vorausgesehen werden kann. Dies Material kommt aber für Ihren Zweck überhaupt nicht in Betracht.
Aus Nürnberg erhalte ich die Nachricht, daß das neue Motorprojekt schon nächste Woche fertig wird und daß eine definitive Konferenz aller Beteiligten Ende September stattfinden soll.“
Nun wünschte Löhner, an dieser Nürnberger Konferenz teiizunehmen; aber Diesel winkte ab. „Ich habe mit der dortigen Firma noch gar nicht von Ihrer Affaire gesprochen“, schrieb er am 11. September; er glaube nicht, daß Löhner „vor seinem Eintritt in die Kombination zu der Konferenz zugelassen werden könnte“. Mit seiner Anwesenheit würde Löhner praktisch aber auch nichts erreichen, fügte Rudolf Diesel bei, „da es sich bei der Konferenz um die reine Konstruktion des Motors handeln und die Adaption für Wagen erst später folgen wird“.
Diese „Nürnberger Konferenz“ und die in Nürnberg aufgenommenen Versuche, zu einem Fahrzeug-Dieselmotor zu kommen, waren auf den Direktor Anton Rieppel der damaligen „Maschinenbau-Aktiengesellschaft Nürnberg“ — die sich später mit der „Augsburger Maschinenbaugesellschaft“ zur M. A. N. vereinigte — zurückzuführen. Ebenso wie Löhner von der Hoffnung ausgehend, es werde in Bälde möglich sein, das Dieselverfahren zum Bau von Fahrzeugmotoren auszunutzen, hatte Rieppel Ende Juli 1897 (wenige Tage nach der Gasmotorenfabrik Deutz) mit den Inhabern der Dieselpatente für Deutschland einen Lizenzvertrag abgeschlossen, der ihm deren Auswertung für Spezialkonstruktionen gestattete. Während aber Löhner sich nur für schienenlose Straßenfahrzeuge interessierte, wollte Rieppel in der Waggonbauabteilung seines Nürnberger Werkes Schienenfahrzeuge bauen 3 , deren jedes durch einen Dieselmotor selbständig angetrieben werden sollte 4 . Rieppels Berater bei dieser Planung war Ingenieur Oberbaurat Adolf Klose, der eben aus dem Württemberg! sehen Staatsdienste ausgeschieden war und sich nun ganz der Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors zu widmen gedachte 5 . Sowohl Rieppel als auch Klose hatten sich bis zu Löhners Eingreifen nur mit dem Problem eines Dieselmotors für Schienenfahrzeuge befaßt; erst jetzt zog man in Nürnberg auch die Konstruktion eines Dieselmotors für Straßenwagen in Betracht. Über den Verlauf der „Nürnberger Konferenz“ unterrichtete Rudolf Diesel mit Brief vom 5. Oktober 1897 Ludwig Löhner, indem er ihm schreiben ließ:
„Ich teile Ihnen hierdurch ergebenst mit, daß die Konferenz über das Straßenwagenmotor- sowohl als über das Eisenbahnwagenmotor-Projekt am 2. und 3. Oktober in Nürn-
3 So in dem vorzitierten Aufsatz der ATZ, der sich auf Mitteilungen aus dem Archiv der M. A. N. stützt
4 Solche automobilen Schienen-Fahrzeuge hatte Gottlieb Daimler schon seit September 1887 in Betrieb stehen und diese hatten sich bereits zehn Jahre lang bewährt, als Rieppel Daimlers alte Idee neu aufgriff und sie mit Dieselmotoren auch zu lösen trachtete.
5 Klose war fast zehn Jahre lang in der wiirttembergischen Staatsbahn-Direktion tätig gewesen und von dort aus über Daimlers motorisierte Schienenfahrzeuge genau unterrichtet; er versprach sich von diesem Beförderungssystem große Zukunftsmöglichkeiten.