40
Friedrich Binder und Max Rohlena
Fülle zu Gebote stand. Seine nie versiegende geistige Frische und Spannkraft zeigte sich allen aufregenden und aufreibenden Anforderungen voll gewachsen.
Die neuen Alpenhahnen allein mit 340 km durchwegs schwieriger Gebirgsbahn mit Tunnels in einer Gesamtlänge von rund 52 km (hievon vier große Tunnels mit zusammen 27,6 km) waren in einer knapp bemessenen Bauzeit durchzuführen, daneben noch eine Reihe verschiedener Lokalbahnen vorzubereiten und auszubauen.
Dazu bedurfte es eines mutigen und kraftvollen, dabei unermüdlichen Mannes mit tiefgründigem technischem Wissen und reichen Erfahrungen, mit innerer Ruhe und Ausgeglichenheit und genialer Erfassung der in Zwangslagen rasch und sicher zu treffenden Entscheidungen, und das war Wurmb im vollsten Maße! Er verstand es aber auch, seine Mitarbeiter zu gewaltigen Leistungen anzuspornen. Seine edle offene Natur, sein freundliches Wesen holten aus jedem einzelnen Höchstleistungen heraus; in edlem Wettstreit war jeder bemüht, sein Bestes zu geben und die dem Gelingen des Werkes am besten entsprechenden Lösungen vorzuschlagen. Welch seltener Zusammenklang ergab sich da oft im Widerstreit der Meinungen! Begründete Einwürfe wurden stets beachtet und das stärkte das Selbstvertrauen aller Mitarbeiter. Wurmb war eine ideale Führernatur.
Hatte er dann des Tages Mühen hinter sich, dann war er nur mehr Kollege und Freund. Und als solchen liebten und verehrten ihn auch alle seine Mitarbeiter, auch die körperlich tätigen Arbeiter, die in ihm den gediegenen hilfsbereiten obersten Chef anerkannten, der bei den — leider unvermeidlichen — Unglücksfällen mit den Hilfsmannschaften unter Hintansetzung seiner eigenen Sicherheit bis in die stärkst gefährdeten Arbeitszonen vordrang.
Leider blieben ihm schwere Kränkungen nicht erspart. Bei der Behandlung des Gesetzentwurfes zur Bedeckung weiterer Erfordernisse für den Bau der Alpenbahnen wurden im Jahre 1905 im Unterausschuß des Abgeordnetenhauses Vorwürfe gegen die ohne rechtzeitige Genehmigung des Parlaments vorgenommene Erweiterung des Bauprogrammes und sonstige Mehrkosten erhoben. Es ist wohl bezeichnend für den Ausgang der mehrmonatigen langwierigen Parlamentsverhandlungen, daß der „contra“-Generalredner Dr. Ellenbogen, der selbst den Bahnbau besichtigt hatte, „einen geradezu großartigen Eindruck von den Leistungen österreichischer Techniker gewonnen“ hatte. Er führte anschließend in seinem Bericht wörtlich aus: „Die Überwindung der kolossalen, bisher bei einem Gebirgsbahnbau noch nicht dagewesenen Schwierigkeiten, die Findigkeit, Geschicklichkeit, der Fleiß, Mut und die Arbeitsamkeit der Ingenieure sind allen Lobes wert. Österreich kann auf seine Techniker stolz sein. Insbesondere gebührt dem Chef der Baudirektion, dem geradezu genialen Sektionschef Wurmb die höchste Anerkennung als einer wahren Zierde des österr. Beamtenstandes. Die Herren haben ihre Pflicht getan.“
Auch der Leiter des Eisenbahnministeriums, Sektionschef Wrba, der nach Dr. Witters Rücktritt (Mai 1905) das Eisenbahnressort übernommen hatte, fand im Lauf der Parlamentsdebatte überaus anerkennende Worte: „Ich fühle mich verpflichtet, vorerst der wohlverdienten Anerkennung der hervorragenden Leistungen der Bautechniker, vom Baudirektor angefangen bis zum jüng-