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K. Melicher
Wenn in der vorgehenden Schilderung nach unseren heutigen Erkenntnissen auch manches als überholt und unzweckmäßig erscheinen mag, so ist diese technische Leistung trotzdem als überwältigend und einzigartig zu bezeichnen. Die Größe dieser Leistung kommt einem erst recht zum Bewußtsein, wenn man bedenkt, in welch unwegsamen Gelände und mit welch einfachen, nach heutigen Begriffen fast unzulänglichen Mitteln in einer Zeitspanne von zwei Jahren diese umfangreichen Bauwerke hergestellt wurden. Zieht man hierbei noch in Betracht, daß sich diese Schilderungen nur auf Bauleistungen eines verhältnismäßig kurzen Stückes der gesamten Bergstrecke beziehen, so gibt die durch die Fertigstellung der Arlbergbahn geschaffene technische Leistung ein glänzendes Zeugnis von der außerordentlichen Höhe der österreichischen Ingenieurbaukunst in der damaligen Zeit.
Die vorangeführte Schilderung wäre aber nicht vollständig, wollte man nicht des genialen Schöpfers dieses gigantischen Werkes, des Vorstandes der Direktion für Staatseisenbahnbauten in den Jahren 1875—1883, Oberbaurat Julius Lott, im besonderen gedenken.
Der Bau der Semmeringbahn (eröffnet 1854), das kühne Wagnis Ghegas, der große Steigungen angewendet hatte bevor noch eine entsprechend leistungsfähige Lokomotive bestand, brachte im Eisenbahnbau eine völlige Umwälzung mit sich und war die hohe Schule für den Bau der österreichischen Gebirgsbahnen. Der klaglose Betrieb am Semmering bewies, daß man die die Länder trennenden Wasserscheiden im Adhäsionsbetrieb überwinden könne.
Bereits im Jahre 1867 war von Baudirektor K. v. Etzel die Brennerbahn als weitere Bergbahn dem Betrieb übergeben worden.
Damals gab es noch keine feststehenden Grundlinien und einengende Vorschriften für den Eisenbahnbau, lediglich der Wagemut und die Schaffenslust des leitenden Ingenieurs waren bei der Projektgestaltung und Baudurchführung maßgebend und unter diesen Voraussetzungen hat der junge Lott unter den Augen des Baudirektors Etzel seine Laufbahn begonnen.
Als Sohn eines Professors an der philosophischen Fakultät, Dr. J. C. Lott, am 25. März 1836 in Wien geboren, legte er daselbst seine Gymnasial- und Hochschulstudien ab und vollendete dieselben im Jahre 1859 an der Hochschule in Karlsruhe.
Nach kurzer Verwendung im badischen Staatsdienst beim Eisenbahnbau ist er im Jahre 1861 bereits bei der Projektierung der Brennerbahn beschäftigt, wo er später mit der Ausführung der Strecke Patsch—Matrei betraut wurde. Nach Fertigstellung derselben wurde er von seinem ehemaligen Bauleiter zu Bahnbauten nach Ungarn berufen. Hierbei verschaffte er sich in Fachkreisen ein entsprechendes Ansehen und wurde, als sein damaliger Vorgesetzter Wilhelm v. Nördling zum Generaldirektor der österreichischen Staatsbahnen in Wien ernannt wurde, von diesem nach Wien berufen und an die Spitze der neu errichteten Bauabteilung der Direktion für Staatseisenbahnbauten gestellt.
Dieser und ihrem neuen Leiter, Baudirektor Lott, harrte nun ein umfangreiches Bauprogramm, das sich auf fast alle Kronländer der damaligen Monarchie erstieckte und den Bau von 1350 km Bahn vorsah, da das österreichische Eisenbahnnetz damals noch lückenhaft war. Hierzu zählte auch der Bau der Arlbergbahn mit einer Länge von 137 km. Baudirektor Lott bewies bei der Abwicklung dieses Programms