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E. A. Kolbe
Einzelne, früher in Heiligenstadt angewandte Methoden zur Herstellung chemischer Produkte.
Nachstehend gebe ich die von Keess im Jahre 1823 veröffentlichte Beschreibung des vor rund 128 Jahren in der „k. k. Vitriolöhlfabrik“ angewandten Verfahrens zur Herstellung von Schwefelsäure wieder. Er beschrieb die Bildung von Schwefelsäure aus Schwefel wie folgt: „Die Fabrication derselben geschieht durch Verbrennung des Schwefels in bleyernen Kammern mit einem die Bildung der vollkommenen Schwefelsäure begünstigenden Zusatz. Dieser ist gewöhnlich Salpeter, in der k. k. Vitriolöhl- u. chemischen Produktenfabrik zu Nußdorf aber ein anderer Körper, welcher als Fabriksgeheimnis betrachtet wird. Die durch diesen ersten Verbrennungsprozeß sich mit dem am Boden der Kammern befindlichen Wasser mischende Säure wird in bleyernen Pfannen bis auf 60 Grad Beaume concentriert und dann weiter (in der k. k. Nußdorfer Fabrik mittels des dort befindlichen Platinakessels) bis zur Dichtigkeit von 1,850 spez. Gewicht gebracht.“ Die vorstehende Beschreibung erfordert eine Ergänzung. Die weitere Konzentration der Schwefelsäure bis zur Dichtigkeit von 1,850 wird im Jahre 1823 in anderen Betrieben, die über keinen Konzentrationsapparat aus Platin verfügten, in Glasretorten erfolgt sein. Es war schon seit langem bekannt, daß GOgradige Schwefelsäure nicht in bleiernen Einrichtungen auf 66gradige Säure konzentriert werden konnte, weil das Blei hierbei zerstört worden 'wäre. Die Bezeichnung Beaume wird auf Baume richtiggestellt. Die Jahreserzeugung der „k. k. Vitriolöhlfabrik“ betrug um das Jahr 1823 nach Keess 500 Wiener Zentner. Ein Wiener Zentner entspricht 56 kg, 500 Wiener Zentner sonach 280 q gleich 26 Tonnen, wobei angenommen wird, daß die gesamte Erzeugungsmenge auf 66gradige Schwefelsäure umgerechnet worden ist. Damals befanden sich im Handel weiße englische Schwefelsäure von 66° Be, braune 60grädige und 40gradige Schwefelsäure.
Salpetersäure. In der „k. k. Vitriolöhlfabrik“ wurde rauchende Salpetersäure durch Erhitzen von Kalisalpeter und konzentrierter Schwefelsäure in Glasretorten, welche einzeln in gußeiserne Sandkapellen eingesetzt worden waren, hergestellt. Salpeter wurde früher auch Salniter genannt und fiel unter die Bestimmungen der Monopolsordnung 7 .
Ob es sich beim Kalisalpeter um im Tnlande erzeugten Salpeter oder um eingeführten indischen oder ägyptischen Kalisalpeter gehandelt hat, ist nicht bekanntgeworden. Die gewonnene rauchende Salpetersäure wurde nach Möller unter dem Vorstande Freiherrn von Leithner hauptsächlich beim Bleikammerbetriebe verwendet, ein Teil wurde als Scheidewasser verkauft. Keess schrieb damals: „Wird die rauchende Salpetersäure mit 2 bis 3 Theilen Wasser verdünnt, so erhält man das sogenannte doppelte Scheidewasser, noch mehr verdünnt nennt man die Flüssigkeit Salpetergeist. Um sie zu chemischen Arbeiten, vorzüglich zur Auflösung des Silbers etc. frei von Salzsäure zu erhalten, wird solange Silberauflösung hinzugetröpfelt, bis kein Niederschlag mehr ersichtlich ist, dann nennt man sie gefälltes Scheide wasser.“ Das gefällte Scheidewasser wurde
7 Zoll- und Staats-Monopols-Ordnung aus dem Jahre 1835.