Aufsatz 
Zur Geschichte der ehemaligen Staatlichen Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehemaligen k.k. Salmiakfabrik in Nußdorf / von E. A. Kolbe
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vollkommenen Schwefelsäure anbelangt, erhielt Leopold Schrottenbach im Jahre 1801 vom österreichischen Ärar beim Fabriksverkaufe für die Überlassung des Geheimnisses seiner Fabrikationsmethode ein Douceur von 200 Dukaten. Es drängt sich die Frage auf, welche Substanzen er überhaupt als sogenannten Zusatz verwendet haben konnte. Trotz aller Geheimhaltung können es doch nur entweder der in England schon vor 1790 zur fabriksmäßigen Schwefelsäureerzeugung be­nützte Salpeter oder Salpetersäure oder aber Mischungen von Salpetersäure mit Stickoxyde entwickelt habenden Zutaten gewesen sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er nur Salpeter verwendet, welcher nach Zugabe von Schwefelsäure Stickoxyde entwickelt hatte. Damals standen keine anderen Mittel als die an­gegebenen Ausgangsstoffe für die Bildung der Stickoxyde zur Verfügung, mit deren Hilfe der Sauerstoff der Luft mit dem Schwefeldioxydgas in Gegenwart von Wasser in Reaktion gebracht werden konnte. Im Bieikammerbetriebe und bei den Intensivverfahren sind die Stickoxyde bis heute unentbehrlich geblieben und konnten durch nichts Besseres ersetzt werden, nur, daß man es gegenüber früher verstanden hatte, sie der Hauptmenge nach laufend aus den Kammer­abgasen wiederzugewinnen und stets aufs neue im Kreislauf zur Schwefelsäure­bildung heranzuziehen. Hierzu haben beim Bleikammerverfahren einerseits der erstmalig im Jahre 1842 im Großbetriebe in Frankreich verwendete Gay-Lussac- Turm Gay-Lussac hatte sein Absorptionsverfahren schon 1827 in Vorschlag gebracht und anderseits der von John Glover in England erdachte, dort im Jahre 1859 erprobte und später nach ihm benannte Gloverturm ausschlaggebend beigetragen. Der Gloverturm hat erst durch die epochemachende Veröffent­lichung meines ehemaligen Lehrers Georg Lunge im Jahre 1871 in Dinglers polytechnischem Journal allgemeine Verbreitung gefunden.

Keess gab die Jahresproduktion derk. k. Vitriolöhlfabrik um das Jahr 1823 mit 500 Wiener Zentnern Schwefelsäure an, das sind 280 q oder 28 t. Wenn er ferner angab, daß diese Fabrik die größte im Inlande gewesen sei, wie gering müssen erst die jährlichen Erzeugungsmengen der damals schon bestandenen anderen Fabriken gewesen sein. Zum Vergleiche wies Wregg 8 darauf hin, daß * die Gesamterzeugung aller österreichischen Schwefelsäurefabriken im Jahre 1936 62 000 t betragen habe.

Bezüglich der Akkumulatorensäure wird bemerkt, daß sich ihr Absatz nach der Ausbreitung der elektrischen Beleuchtung und der damit verbundenen Errichtung von Akkumulatorenbatterien namentlich seit Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts günstig gestaltet hatte. Diese Säuresorte, der Hauptmenge nach 22gradige Schwefelsäure, wurde zunächst Theatersäure genannt, weil sie zur Befüllung der in den Theatern aufgestellten Akkumulatorenbatterien ver­wendet worden war. Sie war arsenfrei und entsprach den von den Akkumulatoren­fabriken hinsichtlich Reinheit gestellten Bedingungen. Einzelne Akkumulatoren­fabriken hatten ihren Abnehmern direkt vorgeschrieben, die arsenfreie Füllsäure nur aus Heiligenstadt zu beziehen.

Obwohl die Helligenstädter Schwefelsäurefabrik bezüglich der Größe ihrer Betriebsanlage und ihres weiteren Ausbaues mit anderen Werken der inländi-

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