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Paul Dolch:
Beobachtung hat denn auch den Weg gezeigt, den Salpeter willkürlich entstehen zu machen, also künstlich zu erzeugen“,
berichtet Reinhold Frhr. v. Reichenbach in: „Einige Bemerkungen über Salpetererzeugung“ der k. k. geologischen Reichsanstalt zur Veröffentlichung mitgeteilt am 26. Mai 1850 — und fährt fort:
„Wenn man, wie es wohl bisher an den meisten Orten der Fall war, die Salpetergewinnung nur etwa als landwirtschaftliches Nebengeschäft betreibt, wo an Raum und Zeit wenig gelegen ist, da kann auch jenes gewöhnliche Verfahren genügen. Anders ist es jedoch, wenn die Aufgabe gestellt würde, eine gewisse sehr große Menge Salpeter jährlich zu erzeugen, oder wenn es sich darum handelte, den Staat gänzlich unabhängig von aller auswärtigen Zufuhr dieses wichtigen Materials zu machen.“
Damit hat Frhr. v. Reichenbach vor hundert Jahren mit seherischem Auge eine Aufgabe erkannt, die erst nach Menschenaltern greifbar in Erscheinung getreten ist. Der Weg, den Reichenbach wies, nämlich eine Rationalisierung des Salpeter-Plantagenbetriebes, konnte noch keine befriedigende Lösung der Aufgabe bringen, zumal da die Sorgen um den Stickstoffkonsum durch die Ausbeutung der Salpeterlager in Chile sich beruhigt hatten, bis um die Wende des Jahrhunderts das Problem erneut in Erscheinung trat. Doch ist es immerhin von Interesse zu sehen, wie bereits vor hundert Jahren das Problem der Massenerzeugung von künstlichem Stickstoff erkannt wurde und eine Lösung versucht worden ist.
In den Salpeterplantagen wurde der Stickstoff der organischen Substanz abgebaut und in mineralischer Form als Salz gewonnen. Einen ähnlichen Vorgang finden wir bei der sogenannten Stickstoffgewinnung als Nebenprodukt bei der Verkokung und Vergasung der Kohle, eine Quelle zur Gewinnung von Stickstoffverbindungen, insbesondere von schwefelsaurem Ammoniak, die lange Zeit für die Belieferung der Landwirtschaft mit einheimischem Stickstoffdünger von großer Bedeutung war. Bei der Behandlung von Brennstoffen in der Wärme zum Zweck, Koks und Gas zu erzeugen, geht ein Teil des im Brennstoff vorhandenen gebundenen Stickstoffs als Ammoniak in das Gas über, aus dem das Ammoniak durch Waschen mit Schwefelsäure in Form von Ammonsulfat abgeschieden wird.
Im Jahre 1898 hielt Sir William Crookes vor der British Association in Bristol eine Rede, die ein durchdringendes Echo fand. Er sagte unter anderem:
„Die Weizenernte der Welt hängt von den Salpeterlagerstätten in Chile ab; eine Welthungersnot ist unvermeidlich, wenn es nicht gelingt, künstlich den Stickstoff der Luft in die Form von Düngemitteln zu bannen... Die Frage der Stickstoffbindung ist einö Frage auf Leben und Tod für die kommende Generation.“
Ein erster vehementer Vorstoß in der Richtung der Erzeugung von synthetischem Stickstoffdünger aus dem Stickstoff der Luft, der technisch und Wirtschaft-