Aufsatz 
Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich / von Paul Dolch
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen

Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 5

lieh von großem Interesse ist, eine endgültige Lösung der Erzeugung von Stick­stoffdünger aber nicht brachte, erfolgte um die Jahrhundertwende, als die Elektro­chemie als neue Wissenschaft und Technik auf den Plan trat. Der freie atmo­sphärische Stickstoff kann, wie bereits bemerkt, im allgemeinen den höheren Pflanzen nicht als Nahrung dienen. Es war aber schon seit langem bekannt, daß bei elektrischen Entladungen in der Luft eine wenn auch nur geringe Bildung von Stickoxyden eintritt. Aus dieser Erkenntnis erwuchs der Versuch, diesen Vorgang auf breiterer Basis in die Technik einzuführen. Auf Grund physikalisch­chemischer Daten wußte man, daß bei genügend hohen Temperaturen das Gleich­gewicht der Stickoxydbildung aus Stickstoff und Sauerstoff in die Richtung der Bildung höherer Konzentrationen an Stickoxyd verschollen war; beim Sinken der Temperatur aber zerfiel das bereits gebildete Stickoxyd wieder in Stickstoff und Sauerstoff. Der Grad des Zerfalls hing von der Abkühlungsgeschwindigkeit der Gase ab; bei genügend hoher Abkühlungsgeschwindigkeit gelang es, eine so weit­gehende Bildung der Stickoxyde zu erhalten, daß das Verfahren der Bildung von Stickoxyden im elektrischen Lichtbogen Aussicht auf Erfolg ver­sprach. Im wesentlichen kam es darauf an, durch geeignete Ausbildung des Lichtbogens, sei es durch magnetische Verblasung (Birkeland-Eyde), durch Ausziehen des Lichtbogens in die Länge (Schönherr, Badische Anilin- und Soda- Fabrik) oder durch Anwendung des Prinzips des Hörnerblitzableiters (Pauling) oder in ähnlicher Weise für ein Abschrecken der Gase und ein Einfrieren des Stickoxydgleichgewichtes bei hohen Temperaturen zu sorgen. Das gebildete Stickoxyd wird in Waschtürmen mit Wasser aus dem Gas ausgewaschen und mit Kalk in Kalziumnitrat übergeführt, das in fester Form als Kalksalpeter, Norgesalpeter usw. in den Handel gebracht wird. Diese Bindung des Luft­stickstoffs im Lichtbogen hat sich auf die Dauer nicht durchsetzen können und ist, nicht ohne wichtige Anregungen auf anderen Gebieten zu hinterlassen (z. B. Anwendung des ScnöNHERR-Ofens als Gaserhitzer beim Ed win- Verfahren zur direkten Reduktion von Eisenerzen mit Gasen oder bei der Erzeugung von Äthylen und Azetylen aus Koksofengas bzw. Erdgas), in Vergessenheit geraten.

Ungefähr gleichzeitig mit den Bestrebungen, den Stickstoff der Luft mit dem Luftsauerstoff im elektrischen Lichtbogen zu binden, gingen Versuche verschie­dener Art, den Luftstickstoff in eine chemische Bindung mit Kohle und Alkali zu bringen; als wesentliches Ergebnis dieser Bemühungen entstand die Kalk­stickstoffindustrie, bei der die Bindung des atmosphärischen Stickstoffs durch überleiten von Stickstoff über erhitztes Kalziumkarbid erfolgt. Das Ver­fahren setzt die Großerzeugung von Kalziumkarbid voraus, das durch Zusammen­schmelzen von Kalk und Koks im elektrischen Niederspannungsofen gewonnen wird. Das Verfahren wurde durch die Bayerischen Stickstof f werke u. a. zu größten Ausmaßen entwickelt und hat insbesondere in der Übergangszeit im 2. und 3. Jahrzehnt unseres Jahrhunderts wertvolle Dienste geleistet. Der bei der sogenannten Azotierung des Karbids entstehende Kalkstickstoff ist durch seinen hohen Gehalt an Kalk und seine besonderen Eigenschaften auch heute noch ein ge­schätzter Stickstoffdünger, dessen Erzeugung vor allem dort in Erwägung gezogen bzw. durchgeführt wird, wo große Mengen von elektrischem Strom zur Erzeu-