Aufsatz 
Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich / von Paul Dolch
Entstehung
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Paul Dolch:

gung des Kalziumkarbids im elektrischen Ofen zu billigen Preisen zur Verfügung stehen. Gegenüber der Ammoniaksynthese und der Stickoxydbildung im Licht­bogen hat das Kalkstickstoffverfahren den wirtschaftlichen und technischen Vor­teil, daß der Stickstoff direkt in einer für Düngezwecke brauchbaren Form an­fällt, ohne daß erst eine sekundäre Überführung des erzeugten Ammoniaks durch Bindung mit Säuren oder umgekehrt erforderlich wird.

Das Bessere ist des Guten Feind: Dies erwies sich in der synthetischen Bin­dung von Stickstoff wieder einmal als gültiger Leitsatz, als auf Grund sorgfältig durchgeführter Laborversuche Haber 1908 in unermüdlicher Arbeit daranging, die direkte Bindung des Stickstoffs an Wasserstoff zu einem technischen Ver­fahren auszubauen. Die physikalische Chemie wies den Weg, indem aus den Ge­setzen der Gleichgewichtslehre das Temperaturgebiet, die Beständigkeit und der Einfluß des Druckes in ihrer Bedeutung klar herausgestellt wurden. Ein zweiter Kreis von Problemen ergab die Lehre von der Reaktionsgeschwindigkeit, die durch Reaktionsbeschleuniger (Katalysatoren) auf technisch brauchbare Höhe gebracht wurde. Als weiteres Problem entstand mit der Ammoniaksynthese das Problem der Beschaffung größter Mengen von Wasserstoff in wirtschaftlicher Weise; daneben spielten bei der technischen Durchführung der Ammoniak­synthese (550° C, 300 atü) Materialfragen eine hervorragende Rolle und schließ­lich mußte das erzeugte Ammoniak in eine für die Landwirtschaft brauchbare Form eines Düngesalzes übergeführt werden. Mit der Ammoniaksynthese von Haber-Bosch war durch die Badische Anilin- und Sodafabrik eine Großtat technischen und wirtschaftlichen Erfolges gesetzt, mit der ein neues Zeit­alter der technischen Chemie begonnen hat. Nur wenige Jahre später reihten sich an den Erfolg der Ammoniaksynthese auf Grund der Erfahrungen der Hoch­drucktechnik die schönen Erfolge der Hochdruckhydrierung, der Kohlen­wasserstoffsynthese, der Kohlenwasserstoffspaltung und ähnlicher Verfahren.

Mit der Ammoniaksynthese ist das Problem der Gewinnung größter Mengen Wasserstoffs zu wirtschaftlichen Preisen akut geworden. Als Grundlage kam zunächst die Gewinnung von Wasserstoff aus Wassergas in Frage. Bei der Wasser­gaserzeugung durch Einwirkung von Wasserdampf auf Koks entsteht ein Gas­gemisch, das im wesentlichen zu etwa gleichen Teilen aus Wasserstoff und Kohlenoxyd besteht. Die Trennung der beiden Gase wurde zunächst durch Ver­flüssigung bei tiefen Temperaturen durchgeführt; vorteilhafter erwies es sich, das Kohlenoxyd durch überschüssigen Wasser dampf an Katalysatoren bei etwa 420° C in Kohlensäure und Wasserstoff umzuwandeln. Die Trennung von Kohlen­säure und Wasserstoff erfolgt durch Druckwäsche mit Wasser bei 20 bis 30 atü. Der verbleibende Rohwasserstoff bedarf noch der sorgfältigen Behandlung zwecks Reinigung von Fremdkörpern, bevor er der Hochdruckapparatur zugeführt wer­den kann. Die Beschaffung von Stickstoff kann entweder direkt durch Verflüssi­gung der Luft und Trennung ihrer Bestandteile erzeugt werden, es können aber auch die nötigen Stickstoffmengen z. B. in Fotm von Generatorgas, das bei der Vergasung von Koks mit Luft entsteht, in den Syntheseprozeß eingeführt werden, wobei das im Generatorgas vorhandene Kohlenoxyd durch Umsetzung mit über­schüssigem Wasserdampf _ wie oben beschrieben _ gleichfalls in Wasserstoff