Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 7
übergeführt wird. Von diesem Schema, das für die Errichtung der ersten Großanlagen grundlegend wurde, kann je nach den besonderen örtlichen Bedingungen abgewichen werden; insbesondere können an Stelle von Wassergas andere Gase, wie Koksofengas oder natürliches Erdgas und ähnliche Gase, verwendet werden, sei es, daß man aus dem Koksofengas durch teilweise Verflüssigung Wasserstoff gewinnt, sei es, daß man durch reine Wasserdampfoxydation oder durch partielle Verbrennung mit Sauerstoff oder Luft ein Wasserstof f-Kohlenoxyd-Stickstoff- Gemisch erzeugt, das durch Behandeln mit überschüssigem Wasserdainpf, ähnlich wie bei Wassergas, und durch Druckwäsche und Feinreinigung in ein reines Stickstoff-Wasserstoff-Gemisch für die Ammoniaksynthese übergeführt wird.
Unter besonderen Verhältnissen, wenn billiger Abfallstrom zur Verfügung steht, wird für die Ammoniaksynthese an verschiedenen Stellen elektrolytisch erzeugter Wasserstoff, der sich durch besondere Reinheit auszeichnet, als Rohstoff verwendet.
Das durch die Synthese gewonnene Ammoniak muß in eine für die Düngung brauchbare Form übergeführt werden. Dies geschah zunächst in einer bei der Gewinnung des sogenannten Nebenproduktionsammoniaks bei der Kokerei und Vergasung üblichen Weise durch Bindung des Ammoniaks mit Schwefelsäure, erst direkt, später unter Vermeidung der Schwefelsäurefabrik durch Umsetzung von Ammoniak und Kohlensäure mit Gips in Rührwerken. An Stelle von Schwefelsäure kann das Ammoniak auch an Salpetersäure gebunden werden; diese wird ihrerseits durch Verbrennung eines Teils des synthetisch erzeugten Ammoniaks mit Luft an Kontaktstoffen erzeugt, wie dies Wilhelm Ostwald noch vor der Synthetisierung des Ammoniaks gezeigt hat. Auch das bei der Umsetzung von Ammoniak mit Salpetersäure entstehende Ammonnitrat weist als Dünger wie der Kalksalpeter Neigung zum Zusammenbacken auf; aus diesem Grunde wird es durch Mischen mit Kalkstein in den beständigen Kalkammonsalpeter übergeführt.
Die Ammoniaksynthese von Haber-Bosch trat nach dem ersten Weltkrieg ihren Siegeszug über die ganze Welt an und wird in den verschiedensten Staaten mit mehr oder weniger geringen Änderungen der Apparaturen und der Arbeitsbedingungen (Druck, Temperatur, Katalysator) und unter verschiedenen Namen, wie Claude-, Casale-, FAUSER-Verfahren u. a., in größtem Ausmaß durchgeführt. Die Weltproduktion an Ammoniakstickstoff betrug im Düngerjahr 1949/50 rund 4,8 Mill. t. Stickstoff.
II.
Im folgenden soll nun der Entwicklung nachgegangen werden, welche die Industrie der Erzeugung mineralischer Stickstoffdüngemittel in Österreich genommen hat. Bis zu Beginn des ersten Weltkrieges wurde der Bedarf an künstlichem Stickstoffdünger im wesentlichen einerseits durch die Einfuhr von Chilesalpeter gedeckt, anderseits aus der heimischen Produktion an Ammonsulfat, das als Nebenprodukt in den Kokereien und Gaswerken anfiel. Das Bedürfnis für die Errichtung einer künstlichen Stickstoffdüngererzeugung war noch nicht vorhanden. Gleichwohl nahm Österreich an den ersten Versuchen einer künst-
Technikgeschichte, 13. Heft.
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