Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft.
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auch die Blütezeit des tirolischen Geschützgußes ihrem Ende entgegen. Ein Grund liiefür mag neben der mangelnden Förderung durch den Landesherrn auch die Erschöpfung der Begabung in den um Innsbruck ansässigen Stückgießer- Familien gewesen sein, die nach großen Leistungen von drei oder sogar von vier Generationen in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts erloschen ist.
Verschiedene Werkstoffe. Innsbruck als Verkehrsknotenpunkt.
Damit sind die Spitzenleistungen, die Innsbruck als Hauptort Nordtirols und des Unterinntals zur Entwicklung der Technik beigesteuert hat, auf lange Zeit zu Ende. Die große Pause wird nur einmal durch zwei Bauernsöhne aus dem benachbarten Oberperfuß unterbrochen, durch Peter Anich und Blasius Hueber, die sich in der Kartographie des achtzehnten Jahrhunderts ehrenvolle Plätze errungen haben. Diese beiden wurden, angeleitet von Professoren der Universität Innsbruck und gefördert vom Hofrat der Landesregierung und Bergbauhistoriker Josef von Sperges, zu vorzüglichen Landmessern. Als Kunstmechaniker, Kartographen, Astronomen und Gelehrte im Bauernkleid schufen sie 1760—1774 unter unsäglichen Mühen und ihrer Gesundheit nicht achtend, als die erste geographisch richtige Karte eines Berglandes jene Tirols.
Als Anich und Hueber 1765, während der Vermessungsarbeiten in den Sümpfen der Etschniederung südlich Bozens an Malaria erkrankt, nach Innsbruck zurückkehrten, sollten sie dem eben mit der Kaiserin Maria Theresia und dem ganzen Hofstaat aus Anlaß von Vermählungsfeierlichkeiten dort eingetroffenen Kaiser Franz Stephan von Lothringen vorgestellt werden. Da dieser als naturwissenschaftlich geschulter Sammler großes Interesse für die Arbeiten der beiden aus dem Bauernstand hervorgegangenen Landmesser gezeigt hatte, als er ein von Peter Anich hergestelltes Globenpaar besichtigte, das noch heute im Museum Ferdinandeum in Innsbruck verwahrt wird, erhoffte man von Seite des Kaisers Förderung für das entstehende Kartenwerk. Der Kaiser aber wurde am 18. August 1765 in der Innsbrucker Hofburg plötzlich von einem Schlaganfall dahingerafft und Peter Anich folgte ihm, nach langem Siechtum, am 1. September 1766 in seinem Heimatdorf in den Tod. So mußte Blasius Hueber die große Karte Tirols, die zur Zeit ihrer Entstehung als „die vollkommenste ihrer Art“ galt, allein vollenden.
Der Leichnam Kaiser Franz Stephans wurde am 24. August 1765 durch das Unterinntal zu Schiff gegen Wien überführt. Kaiserin Maria Theresia folgte dem Trauerkondukt, ebenfalls den Wasserweg benutzend, mit ihrem Hofstaat wenige Tage nachher. Acht Jahrzehnte später kam nochmals ein Kaiser mit seinem Hofstaat zu längerem Aufenthalt nach Innsbruck. Es war Ferdinand I., der im Mai 1848 sich durch die Revolution in Wien bedroht fühlte, nach Innsbruck flüchtete und hier bis zum August 1848 residierte. Diesmal war die Hin- und Rückreise des Hofstaates auf den im Lauf des letzten Jahrhunderts sehr verbesserten unterinntaler Landstraßen erfolgt.
Wenige Jahre später hätte für die Reise durch das Unterinntal schon die Eisenbahn benutzt werden können. Denn schon 1858 wurde der Betrieb der Unter-