Das Unterinntal, eine technikgeschichtliche Landschaft.
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Durch das rasche Aufblühen von Kinks Zementfabrik fühlte sich der pensionierte Steuereinnehmer Alois Kraft 1854 bewogen, bei Häring einen Mergelbruch zu eröffnen; ihm gelang als erstem die Herstellung von Xaturportland- zement. Dieses auf der in Perlmoos gelegenen Zementmühle Krafts entwickelte Verfahren ist also eine in Tirol gemachte Erfindung. Denn bis dahin konnte Portlandzement nur aus einem künstlichen Gemenge von Kalk und Ton hergestellt werden. Die ersten Versuche dieser Art hatte 1813—1818 L. J. Virat in Paris angestellt; sie wurden 1824 vom Londoner Baumeister Joseph Aspdin wieder aufgenommen und führten zu vollem Erfolg. Aspdin nannte seinen künstlichen Werkstoff nach dem damals in England bei Bauten viel verwendeten Portlandstone Portlandzement, eine Bezeichnung, die später für alle Zemente verwendet wurde. Erst 1838 aber gelang es, den Portlandzement so zu verbessern, daß er die Güte des Romanzementes erreichte.
Kraft, der über die zum Ausbau seines Verfahrens nötigen Geldmittel nicht verfügte, verband sich mit dem Salzburger Großhändler Angelo Saullich. 1872 wurde das von beiden geführte Unternehmen unter der Bezeichnung Perlmooser Zementfabrik in eine Aktiengesellschaft verwandelt, die auch die von Kink gegründete Zementfabrik in sich aufnahm. Seit damals hält diese Aktiengesellschaft, die in weiterer Folge auch in anderen Teilen Österreichs bestehende Zementwerke erwarb und neue errichtete, die führende Stelle ihres Erzeugungszweiges. In diesen Werken werden Zemente bester Qualitäten und gewünschter, je nach dem Verwendungszweck abgestimmter Eigenschaft in Drehofen gebrannt und der Klinker in Rohrmühlen gemahlen.
In Kufstein, von wo dieser bedeutsame Zweig der Industrie der Steine und Erden seinen Ausgang genommen hat, endete Friedrich List, ein hochbegabter Volkswirtschafter, durch Selbstmord. Er war, nachdem er in USA. wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte, nach Deutschland zurückgekehrt, blieb aber hier in seinem Streben ohne Erfolg. Am Ende seines wohl nicht ganz unverschuldet von Widrigkeiten erfüllten Lebens war List „der Deutsche ohne Deutschland“, der den Deutschen Zollverein anregte, der das deutsche Eisenbahnsystem entwarf, nach Kufstein gekommen. Am 30. November 1846 griff er am Fuße des Tuxer- köpfh zur Pistole; er ruht im Friedhof der Stadt, die ihn durch Errichtung eines Denkmals geehrt hat.
Kufstein seit 1945.
Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ist nun Kufstein, das seinerzeit ein bedeutendes Zentrum des Verkehrs zu Wasser und zu Land, sowie eine mächtige Feste gewesen, aber später zur stillen Kleinstadt geworden war, von neuem Lebenswillen erfüllt, zum Mittelpunkt eines aufblühenden Industriegebietes geworden. Wie beengt waren noch die Verhältnisse in Kufstein zur Zeit, als Josef Madersperger, der Pionier des Maschinennähens, 1768 dort geboren wurde. Gab es damals noch die Innschiffahrt, die Leben auch in die Kleinstadt brachte, so hörte dieser Auftrieb auf, nachdem 1858 der Eisenbahnanschluß durch das Unterinntal nach Bayern geschaffen worden war. Die engen Verhältnisse blieben bis zum Ende des zweiten Weltkrieges bestehen. Als endlich die Waffen ruhten,