24 R. Ehrenberger : Die Entwicklung des wasserbaulichen Versuchswesens
Grundablässe während mehrerer Baustadien und bei Vollausbau, sowie der Energievernichtung im Tosbecken wurden u. a. auch Druckmessungen in den Grundablässen ausgeführt, die gänzlich unerwartete, interessante Ergebnisse zeitigten.
Hier ist noch darauf hinzuweisen, daß jetzt erfreulicherweise auch in Österreich die Möglichkeit besteht, großmaßstäbliche Versuche, für die auch die neue Halle der Wiener Anstalt nicht ausreicht, in freiem Gelände auszuführen. Das Steiermärkische Landesbauamt hat, unterstützt von den zuständigen Ministerialabteilungen, am Strechaubach in der Nähe von Liezen ein Versuchsfeld eingerichtet. Das kürzlich erbaute Regulierungsgerinne dieses Baches endet mit einer Sohlstufe, an die sich ein von annähernd kreisförmig angeordneten Dämmen begrenztes Ablagerungsbecken von mehr als 10.000m 2 Fläche anschließt, in dem die Versuchsanlagen aufgebaut werden; die Sohlstufe dient gleichzeitig als Entnahmebauwerk für die Speisung der Versuchsanlagen. über einen Meßüberfall, ein Tosbecken und einen anschließenden, 80 m langen Trapezkanal, der zur Erprobung und Eichung von Meßgeräten aller Art (z. B. für chemische und elektrochemische Meßmethoden) herangezogen werden kann, gelangt das Wasser zu einem Verteilwerk, von dem es an mehrere Versuchsanordnungen gleichzeitig abgegeben werden kann.
Ein besonders eindrucksvolles Modell ist derzeit über Auftrag der Bundesstrombauverwaltung dort aufgebaut. Es stellt eine Nachbildung der Donauschlinge bei Schlägen zwischen Engelhartszell und Aschach im Maßstabe 1 : 50 dar. Entsprechend einer Gesamtstromlänge von rund 20 km, die sich infolge der Doppelschlinge auf eine Luftlinie von rund 11km zusammendrängt, erstreckt sich die Nachbildung auf ein Längenausmaß von rund 220 m und eine Breite zwischen 4 und 9 m. Die maßstabgetreuen Modell-„Hochwässer“ erfordern 6001/sek.
Dieses Freigelände-Versuchsfeld untersteht zwar, wie erwähnt, dem Steirischen Landesbauamt, das außerdem in Graz selbst ein kleines Flußbaulaboratorium unterhält; die bestehende enge Fühlungnahme mit der Wiener Anstalt gewährleistet jedoch die erforderliche und wertvolle gegenseitige Ergänzung.
Aus den vorstehenden Ausführungen geht hervor, in welch vielfältiger Beziehung das wasserbauliche Versuchswesen zu den praktischen Fragen des Wasserbaues steht. Es darf wohl mit Recht behauptet werden, daß einwandfrei durchgeführte Modellversuche bei dem heutigen Stand des Versuchswesens von hohem volkswirtschaftlichem Werte sind und daß kein Bauvorhaben, das wie immer geartete Unklarheiten aufweist, des Modellversuches entraten kann. Ich möchte diese Ausführungen nicht schließen, ohne dem aufrichtigen Wunsche Ausdruck zu geben, es möge der Bundesversuchsanstalt für Wasserbau in Wien, die zu den ältesten Forschungsstätten auf diesem Gebiet zählt, gegönnt sein, ihre volle Kapazität zum Besten unserer heimischen Volkswirtschaft und zum Ruhme unseres zwar kleinen, aber an Wasserkräften so reichen Vaterlandes in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen.