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Otto Lanser
Anders im Bewässerungswesen, wo sozusagen jeder Tropfen gebraucht wird und die einzelnen Bewässerungsberechtigten einander nicht selten jeden Tropfen streitig machen. Hier ist die möglichst zuverlässige Ermittlung der Wassermengen seit eh und je als notwendig empfunden worden, doch hat man nicht überall vermocht, die dieser Notwendigkeit entsprechenden Begriffe, Geräte und Methoden zu entwickeln.
Obwohl in nicht wenigen Teilen der Alpenländer, z. B. in Westtirol, im Vintschgau, im Wallis, im Aostatal, künstliche Bewässerung eine landwirtschaftliche Notwendigkeit bildet und daher zweifellos schon vor Jahrhunderten, zum Teil wohl schon unter den Römern geübt worden ist, ist man dort nicht bis zu exakten Begriffen und Meßmethoden gekommen; man begnügte sich in den Bewässerungsordnungen mit Angaben wie: „soviel Wasser, als durch eine Rinne aus einem ausgehöhlten Baumstamm fließt“ oder ähnlichen Ausdrücken, mit Angaben also, die nur eine äußerst ungefähre Bestimmung der Wassermenge zulassen. Genauer vermochte man Wassermengen relativ zueinander zu messen und auf verschiedene Benützer in einem bestimmten Verhältnis aufzuteilen. Man bediente sich hiezu eines waagrecht in die Sohle des Wassergrabens eingebauten Brettes oder einer Steinplatte, in die mehrere, meist drei gleich große, kreisrunde Öffnungen geschnitten waren. Mit der Platte endete der Oberwassergraben, so daß das über ihr stehende Wasser durch die Öffnungen senkrecht nach unten strömen mußte, von wo es in zwei oder drei Fortsetzungen des Bewässerungskanales mit nunmehr tieferem Wasserspiegel abfloß. Indem man nun eine der Öffnungen mittels eines hineinpassenden Holzpfropfens verschloß oder freigab, konnte, wenn zwei Gerinne weiterführten, deren Trennwand unter die Platte hereinreichte, die verfügbare Wassermenge je nach Wunsch im Verhältnis 1:1 oder 1: 2 auf die beiden Kanäle aufgeteilt werden.
Eine noch weit wichtigere Rolle als in den Alpenländern spielt die künstliche Bewässerung jedoch in den Trockengebieten des Orients, wo sie vielerorts geradezu die Voraussetzung jeglichen Pflanzenbaues und damit jeglicher Besiedlung bildet. Es ist nicht verwunderlich, daß die technischen Anlagen für die Bewässerung in diesen Iündern eine oft erstaunliche Höhe erreicht haben. Besonders bemerkenswert sind z. B. die in Iran verbreiteten Grundwasserfassungen mittels langer Stollen, die von der Oberfläche eines ansteigenden Hanges aus flacher als dieser bis zu einer, oft erst in großer Tiefe erreichten, wasserführenden Schicht vorgetrieben werden. Das hier erschrotete Grundwasser fließt durch den Stollen an die Erdoberfläche und wird dann den zu bewässernden Ländereien zugeführt.
Die Perser haben für die Wasserführung solcher Anlagen eine eigene Maßeinheit entwickelt, den „Säng“. Der Verfasser des fesselnden Buches „Irans Kampf um Wasser“, Dr.-Ing. Cholam-Resa Kuros ermittelte, daß bei den Brunnenmeistern folgende Begriffsbestimmung für einen Säng üblich sei: „Ein Säng stellt diejenige Wassermenge dar, die durch einen Querschnitt von 16 mal 1 Gereh durchfließt, wo ein Strohhäcksel in 2 Minuten 15 m weit fortgetragen wird“ (16 Gereh = lm); hieraus errechnet sich für einen Säng eine Durchflußmenge von 7,81/sek, die dem genannten Autor jedoch zu gering erscheint;