Zur Geschichte des hydrometrischen Meßwesens
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er setzt sie etwas willkürlich gleich 201/sek. Wie dem auch sei, es ändert nichts an der Tatsache, daß der Begriff an sich vollkommen richtig als Produkt des benetzten Querschnitts und der Fließgeschwindigkeit definiert ist und daß eine eigene Maßeinheit für diesen besteht. Es beweist ebensowohl die bedeutende Rolle der künstlichen Bewässerung wie die starke, begriffsbildende Kraft des iranischen Sprachgeistes, daß er einen Ausdruck geschaffen hat, dessen Inhalt nicht einmal die deutsche Sprache mit einem einzigen und eindeutigen Wort auszudrücken vermag.
Wenn wir uns nach dieser längeren, aber notwendigen Abschweifung nun wieder der Geschichte der Hydromechanik zuwenden, so wird es uns kaum sehr verwundern, schon den Namen Leonardo da Vincis (1452 bis 1519) (1) unter jenen zu finden, die sich mit der Messung von Strömungsgeschwindigkeiten befaßten; mehr noch: Leonardo gelangte auch über die Geschwindigkeitsverteilung im Flußquerschnitt, über ihre Abhängigkeit vom Gefälle und von der Rauhigkeit zu Einsichten, die dem Stande der damaligen Hydromechanik so weit vorauseilten, daß sie in Vergessenheit gerieten und daß sich später geradezu gegenteilige, unrichtige Lehrmeinungen durchsetzen konnten. Es dauerte zwei bis drei Jahrhunderte, ehe, dank exakter Naturbeobachtungen, Leonardos Erkenntnisse wieder bestätigt wurden.
„Er sprach aus, daß die Wassergeschwindigkeit in Gerinnen in der Mitte größer ist, als an den Seiten und an der Oberfläche größer als auf dem Grunde, daß überhaupt die Fließgeschwindigkeit in jenem Teile einer Flüssigkeit um so größer ist, ,1a quale e piü remota alia confregazione di corpo piü denso di lui‘ (welcher weiter entfernt ist von der Reibung mit einem Körper, der dichter als sie ist).“ [Zitiert aus: C. Reindl, siehe Anm. (1)]!
Auf welche Weise Leonardo zu diesen erstaunlichen Erkenntnissen gelangte, vermögen wir nicht mehr völlig zu erkennen; er konstruierte allerdings einen Tiefenschwimmer zur Bestimmung der mittleren Geschwindigkeit und es ist bemerkenswert, daß sich auch mit diesem einfachen Gerät schon mancherlei Erkenntnisse gewinnen lassen. Es besteht aus einem hölzernen Stab, welcher am Ende mit Gewichten beschwert wird, damit er so tief als man will, eintauche und ein Teil von ihm über die Oberfläche hervorrage. Die Erfindung dieses Stabes wird sonst dem Italiener N. Cabeo (3) zugeschrieben, nach welchem das Gerät auch benannt wird, und Woltmann zitiert in seinem noch ausführlich zu erwähnenden grundlegenden Werkchen (14) bemerkenswerte Beobachtungen, die dieser Autor damit angestellt hat: „Si enim poneres hastam in aqua stagnanti pars eminens esset perpendicularis ad superficiem aquae; similiter si moveatur tota aequali velocitate, servaret semper eandem positionem. At videbis partem eminentem hastae supra superficiem aquae inclinari ad partem anteriorem, quod est evidens argumentum superiorem partem aquae velocius fluere.“ (Wenn man den Stab in ruhendes Wasser gibt, wird der über die Wasseroberfläche herausragende Teil senkrecht stehen; ebenso behielte er dieselbe [senkrechte] Stellung bei, wenn er mit einer überall gleich großen Geschwindigkeit fortbewegt würde. Tatsächlich sieht man jedoch, daß der über die Wasseroberfläche ragende Teil
Technikgeschichte, 15. Heft.
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