Die bisherige Entwicklung der Geschiebetheorien und Geschiebebeobachtungen
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Trieb, die also für das Gesamtergebnis am ausschlaggebendsten waren, mußten deshalb bis zu 30 Messungen nacheinander vorgenommen werden.
Die Entwicklung von Methoden zur unmittelbaren Geschiebemessung ist nicht nur deshalb wichtig, weil allein durch sie dieser Naturvorgang auch quantitativ in einwandfreier Weise verfolgt werden kann, was beispielsweise für die Ermittlung der Verlandungsdauer von Speicher- und Staubecken unerläßlich ist; sie führte darüber hinaus auch zur grundsätzlichen Erkenntnis von der Existenz einer Geschiebefunktion in allen jenen Fällen, in denen ein Fluß auf seinen eigenen Alluvionen genügend lang fließt und somit in der Lage ist, sich das seiner jeweiligen Wasserführung nach Menge und Korngröße entsprechende Geschiebe anzueignen; ferner zur Erkenntnis, daß dort kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Wasserführung und Geschiebeführung besteht, wo, wie z. B. am Inn, diese Voraussetzung nicht erfüllt ist. Im ersteren Falle bildet die unmittelbare Geschiebemessung die Voraussetzung für die Anwendung der Geschiebetriebsformeln; im letzteren wird man mit ihrer Hilfe wenigstens jene Grenzen mit einiger Sicherheit zu erkennen vermögen, innerhalb deren die bei flußbaulichen Aufgaben gesuchten Größen und Bestimmungsstücke liegen müssen.
Die auf S. 71 bis 72 angegebenen Formeln geben die Beziehungen wieder, die zwischen den folgenden sechs Größen herrschen: Geschiebetrieb bzw. jährliche Geschiebefracht, Querprofil, Rauhigkeit, maßgebender Geschiebedurchmesser und Wasserführung bzw. jährliche Wasserfracht. ,,Es ist einzusehen, daß aus der Beziehung zwischen diesen sechs Variablen jede beliebige von ihnen, so insbesondere das Gefälle berechnet werden kann, wenn die fünf anderen gegeben sind. Die explizite Ermittlung des Gefälles ist allerdings nicht möglich, weshalb man so vorzugehen hat, daß für verschiedene angenommene Gefälle die jeweils zugehörige Geschiebefracht berechnet wird. Man erhält dann durch Aufzeichnung der Ergebnisse eine Kurve: Geschiebefracht in Funktion des Gefälles, woraus das der gegebenen Fracht zugehörige, bzw. bei einem bestimmten Querschnitt zu ihrer Beförderung erforderliche Gefälle ermittelt wird“ (S. B. Z., 1935/1, S. 109).
Meist wird die Aufgabe in der Form gestellt sein, jenen Querschnitt ausfindig zu machen, der in der Lage ist, bei einem gegebenen Gefälle oder bei einer als zulässig oder wünschbar erachteten Gefälleänderung die gegebene Geschiebefracht zu befördern. Es ist also unter Umständen die Berechnung der obigen Funktion (Geschiebefracht in Abhängigkeit vom Gefälle) für andere Querschnittsformen zu wiederholen, bis jenes Profil gefunden ist, das den Bedingungen der gegebenen Geschiebefracht und des gegebenen oder gewünschten Gefälles entspricht.
Mathematisch ausgedrückt heißt dies, man erhält eine Schar von Kurven (Abb. 3), deren jede einer bestimmten Querschnittsform entspricht. Von diesen wird im allgemeinen nur eine den gestellten Bedingungen genügen. „Bei Gleichgewichtszustand der Sohle, wobei also weder Abtrag noch Erhöhung auftritt, begründet die Geschiebeführung nach Menge und Korngröße einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Längsprofil und dem Querprofil. Bei gegebener Geschiebeführung gibt es mit praktisch unbedeutenden Variationsmöglichkeiten nur ein Querprofil, das mit einem gegebenen bzw. anzustrebenden Längsprofil vereinbar ist und umgekehrt wird das Längsprofil durch die Wahl des Querprofils zum voraus
Technikgeschichte, 15. Heft.
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