Aufsatz 
Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin / von Eduard Merlicek
Entstehung
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Eduard Merlicek

Den hohen Wasserstand behielt der See bis zum Jahre 1801. Von dieser Zeit an war das Wasser im Abnehmen begriffen, wie eine Aufzeichnung im fürst­lichen Archiv in Eisenstadt berichtet. 1807 stieg das Wasser wieder, fing aber bald an zurückzuweichen und schwand immer mehr, so daß der See im Jahre 1811 fast austrocknete. Der sehr niedrige Wasserstand hielt sich bis 1813. Von da an füllte sich das Seebecken wieder sehr rasch, der See erlangte die Größe vom Jahre 1786.

Im Jahre 1837, im Früjahr und dem darauffolgenden Winter, gab es überaus reiche Niederschläge. Die Raab und Rähnitz schwollen so hoch an, daß ihre wilden Fluten die Dämme überschritten und in gewaltigen Massen dem niedri­geren See zustürzten, so daß er in wenigen Tagen eine ganz ungewöhnliche Größe erreichte. Der höchste Wasserstand ward verzeichnet am 10. März 1838. Diese Größe behielt der See bis zum Jahre 1854. Sein Flächeninhalt betrug nach einer Karte Wagners 356 Quadratkilometer.

Vom Jahre 1854 angefangen war der See wieder in steter Abnahme begriffen. Im Jahre 1862 war die Wassertiefe nur mehr 60 bis 80 Zentimeter. Im Jahre 1864 ging der See seinem Ende entgegen, die Höhe des AVasserstandes betrug nur 15 bis 20 Zentimeter in der tiefsten Talmulde.

Der Sommer des Jahres 1865 bereitete durch heiße Tage, Föhnwinde bei an­dauerndem Regenmangel, dem See ein rasches Ende. \ r on Mitte Juni an schwand alles Wasser, in der ganzen Seebreite ist es trocken geworden, nur an der tieferen Stelle zwischen Apetlon und Eszterhäz schimmerte noch ein schmaler AVasserstreifen. Der Bodenschlamm trocknete bald aus und entwickelte mit dem herauskristallisierten Salz viel Staub.

Bis 1871, also sechs Jahre, blieb der Neusiedler See ausgetrocknet. In dieser Zeit hatten die Bewohner des weiten westlichen Ufergeländes sehr über schlechte Ernten zu klagen. Als Ursachen des Mißwachses gaben sie große Dürre an, da der Tau fehlte, der sonst vom See herüber kam und den Regen ersetzte. Die Wein­gärten litten auch in dieser Zeit durch Frühjahrsfröste, Hagel usw. Der klima­tische Einfluß des Neusiedler Sees reicht aber noch weit über sein Ufer bis an eine norwestlich des Sees sich hinziehende Lehne, die einen äußersten Ausläufer des Wiener AValdes darstellt und die in ihrer ganzen Ausdehnung von Perch- toldsdorf über Mödling, Guntramsdorf, Gumpoldskirchen, Baden, AG)slau bis Hirtenberg fast geschlossen mit Weingütern bedeckt ist. Auch hier, in 40 Kilometer Entfernung vom Neusiedler See, ist noch der feuchtwarme Lufthauch zu fühlen, der vom See herkommt, und auch hier wissen die Leute aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern Episoden über die Mißernten der Jahre 1865 bis 1871 wiederzugeben.

Diese letzte Austrocknung war der Anstoß zu dem Plane, den Neusiedler See künstlich trockenzulegen. Damit glaubte man, das Seebecken, wenn es schon nicht für immer als See zu erhalten war, doch als Acker- und AAlesenboden zu ver­werten. Im Jahre 1873 wurde im Zusammenhänge mit der Raabregulierung eine Wassergenossenschaft gegründet. A'orn Jahre 1893 bis zum Herbst 1895 wurde durch den Hansäg ein 37 km langer Kanal gegraben (eine nachträgliche Er­gänzung des Jahres 1909 mitgerechnet), der das AVasser des Neusiedler Sees in