Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin
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die ltabnitz ablei ten sollte. Diese Maßnahme hatte indessen nur den Erfolg, daß der See abgesenkt wurde, eine vollständige Fällung war unmöglich mit Rücksicht auf die schwierigen Gefällsverhältnisse zwischen dem See und der Rabnitz. Diese Tatsache kann uns nicht sehr verwundern, wenn wir daran denken, daß man im 16. Jahrhundert umgekehrt aus der Rabnitz (wenn auch von einer höheren Stelle) Wasser in den See leitete. Hier tritt wieder einmal die gegensätzliche Wasserwirtschaft alter und neuerer Zeiten deutlich zutage. Früher bemühte man sich, den Wasserstand des Neusiedler Sees durch die Zuleitung aus der Rabnitz zu verbessern, und später war alles Streben auf eine Entwässerung des Sees gerichtet:. Schon in den Jahren 1788 bis 1812 ließ Fürst Eszterhäzy einen über 30 km langen Hauptkanal vom südöstlichen Seeufer aus ostwärts durch den ganzen Hansäg anlegen. Doch äußerte dieser Kanal infolge seines geringen Querschnitts keinen dauernden Einfluß auf die Höhe des Seespiegels. Seit der letzten Fällung zu Ende des vorigen Jahrhunderts hat aber der See seinen Wert für Bade-, Wassersport- und Fischereizwecke fast völlig verloren. Leider zeigen sich auch noch ähnliche Nachteile, wie wir sie bei der Besprechung der Federseefällung 4 angeführt haben. Trotzdem sind seither noch ungezählte Austrocknungspläne entstanden, zuerst Pläne zur vollständigen Trockenlegung, dann Kompromißpläne für eine teilweise Trockenlegung bald des westlichen, bald des südlichen Seeteiles, wobei der auszutrocknende Teil von dem übrigen See mit einem Erddamm abzugrenzen wäre, u. dgl. m.
Der Neusiedler See ist ein Schulbeispiel dafür, daß technische Probleme mitunter an der Hand der Geschichte zu lösen sind. Die Tatsache, daß das milde Klima der Uferländer im weitesten Sinne dem See zu verdanken ist, wird durch eine Jahrhunderte alte Geschichte erhärtet. Unsere Übersicht über die Seeschwankungen hat erwiesen, daß die Kulturen eines großen Umkreises, besonders die zahlreichen Weinkulturen, immer am prächtigsten gediehen, wenn der See eine große Höhe und damit eine große Ausdehnung erreicht hatte, während ihnen die Trockenheit des Sees schädlich war. Aus diesem Grunde waren die Seeanrainer in alten Zeiten eher um einen entsprechend hohen Wasserstand als um die Überschwemmungsgefahr besorgt. Dies beweist die Einleitung der Rabnitz im 16. Jahrhundert. Sicher wurde durch diese Ableitung in den großen Speicher des Neusiedler Sees auch eine Entlastung der Rabnitz und damit zugleich des Hauptflusses, der Raab, erreicht, und so zeigt sich wieder der alte Grundgedanke einer Flußregulierung in Verbindung mit einer wirtschaftlichen Ausnützung des überschüssigen Wassers. Dieser Grundgedanke einer alten, durchaus gesunden Wasserwirtschaft kann nicht oft genug betont werden, weil ihm so manche neuerliche Gewässerregulierung arg widerspricht.
Damit sind wir wieder bei der Leitha angelangt, von der unsere Abhandlung ausgegangen ist. Die schädlichen Hochwässer von diesem Flusse abzuziehen und in den See einzuleiten, wo es an Wasser fehlt, das scheint uns die richtige Regulierung. Der Ausbau des Hansägkanals durch die Ungarn stellt heute auch eine Regulierung dar; es ist ein ständiger Abfluß geschaffen, und die Über-
4 „Technik und Kultur“ 1938, Nr. 4, Seite 05.