Aufsatz 
Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft / von Jakob Baxa
Entstehung
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Jakob Baxa

zu Wien geboren worden und empfing seine Gymnasialbildung an der altberühmten, 1784 von Christian Gotthilf Salzmann begründeten Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal bei Gotha in Thüringen. Sodann studierte er an der Wiener Uni­versität Rechtswissenschaft und promovierte hier zum Doktor beider Rechte. Den ersten praktischen Unterricht in der Zuckererzeugung erhielt er bei seinem Oheim Geheimrat Carl von Skene in Klettendorf bei Breslau, der von 1887 bis 1929 der Direktion der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. angehörte. Am 1. August 1890 trat Dr. Richard von Skene in die Firma ein. Hier erwartete ihn zunächst eine sehr schwere Aufgabe. Während die Gesellschaft die sonst für ein industrielles Unternehmen so gefährlichen Gründerjahre mühelos überwunden hatte, gelangte sie infolge fortgesetzter Verlustjahre ab 1885/86 in eine nicht un­bedeutende Krise. Sie vermochte seither weder eine Dividende auszuzahlen, noch auch Abschreibungen vorzunehmen, so daß die beiden Fabriken viel höher zu Buch standen, als ihr tatsächlicher Wert betrug. Rasch entschlossen führte Doktor Skene zur Bereinigung der Bilanzen eine Reduktion des Aktienkapitals von 3000000 auf 2400000 Gulden durch, die in zwei außerordentlichen Generalversammlungen vom 17. Februar und 24. April 1892 beschlossen wurden. Der frei werdende Kapital­betrag von 600000 Gulden wurde teilweise zur Deckung des Verlustes der Kampagne 1890/91 und der bei der Kapitalsreduktion aufgelaufenen Spesen, teil­weise zur Abschreibung auf der Lundenburger Raffinerie verwendet, so daß die Buchwerte beider Fabriken wieder den tatsächlichen Verhältnissen entsprachen. Das Geschäftsjahr 1891/92 warf wieder eine Dividende von 10 Gulden für die Aktie ab. Die Geschäftsleitung gab damals der Hoffnung Ausdruck, daß es auch in Hin­kunft gelingen werde, den Aktionären eine ständige Rente zu sichern, ein Ver­sprechen, das sie über ein halbes Jahrhundert eingehalten hat. Seither gab es bis zum Katastrophenjahr 1945 kein dividendenloses Betriebsjahr in der Gesellschaft.

Die krisenhafte Lage der gesamten österreichischen Zuckerindustrie zu Beginn der Neunziger jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte ihren letzten Grund in dem System der schrankenlosen Konkurrenz zwischen den einzelnen Fabriken, das in früheren Jahrzehnten zur Entwicklung der Industrie sehr heilsam war, ihr aber jetzt zum Verderben ausschlug. Während andere Industrielle noch immer auf dem Boden des freien Wettbewerbes standen, war Dr. Richard von Skene trotz seinen jungen Jahren damals schon so weitblickend, daß er klar erkannte, die schleichende Krise der Zuckerindustrie könne nur durch eine planmäßige Wirtschaft beseitigt werden, deren Leitung sie selbst in die Hände nehmen müsse. Schon in einer Direktionssitzung vom 13. November 1890 wurde von der Gesellschaft be­schlossen, einem zu gründenden Raffinerievereine beizutreten und am 17. Juni 1891 wurde ein weiterer Beschluß gefaßt, sich bei einer zustande kommendenKontingen­tierung des Inlandabsatzes einer gleichmäßigen Herabsetzung der Produktions­quote zu fügen. Durch die planlose Überproduktion der letzten Jahre und das Bestreben, die Vorräte unter allen Umständen abzusetzen, war der Markt derart überführt und der Zuckerpreis derart herabgesunken, daß er die Produktionskosten nicht mehr deckte. Daher war die Kontingentierung, das heißt die einvemehmliche Festsetzung der für den Inlandverbrauch bestimmten Zuckerproduktion und die Bestimmung der den einzelnen Fabriken daran zukommenden Quote unbedingt