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Jakob Baxa
in früheren Jahren konnte sie von 1891/92 bis 1901/02 oft kaum eine Produktion von 30000 dz Rohzucker erreichen, während die Rohzuckerverarbeitung in der Lundenburger Raffinerie im gleichen Zeitraum von 244000 bis 379000 dz anstieg. Die Leipniker Fabrik, die doch als Rohzuckerversorgungsquelle der Raffinerie gedacht war, lieferte also kaum 10% des erforderlichen Bedarfes. Schuld an dieser geringen Produktion trug vor allem die große Knappheit der mährischen Rübenanbaufläche, die für die zahlreichen, dicht nebeneinander liegenden Fabriken nicht ausreichte, und daher die Unmöglichkeit, die Rübenverarbeitung zu steigern. Da tauchten zu Beginn des Jahres 1901 verläßliche Nachrichten auf, daß der Plan der Errichtung einer niederösterreichischen Zuckerfabrik im Marchfeld von verschiedenen Seiten ernstlich in Erwägung gezogen werde. Hier bestanden damals nur die beiden Fabriken Hohenau und Dürnkrut, es war also noch Raum genug für eine dritte Fabrik vorhanden, welche die Lundenburger Raffinerie hinreichend mit Rohzucker versorgen konnte. Aber rasches Handeln war geboten. Daher faßte die Gesellschaft am 11. April 1901 über Antrag von Dr. Richard von Skene den Beschluß, in Leopoldsdorf im Marchfeld eine neue Rohzuckerfabrik zu erbauen. Das Rübengebiet der neu zu errichtenden Fabrik grenzte an jenes der benachbarten Dürnkruter Zuckerfabrik, die der Firma Kürschner & Bachler gehörte. Die Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken A. G. war damals schon bereit, die Dürnkruter Fabrik käuflich zu erwerben, aber die Verhandlungen verliefen ergebnislos, weil der von der Firma Kürschner & Bachler geforderte Kaufpreis mit Rücksicht auf die damalige technische Rückständigkeit der Dürnkruter Fabrikseinrichtungen viel zu hoch war.
Am 20. August 1901 wurde von der Gesellschaft beschlossen, den bisherigen Verwalter der Mratiner Zuckerfabrik Josef Hauser als Betriebsdirektor für die Leopoldsdorfer Fabrik aufzunehmen. Unter seiner fachkundigen Leitung wurde der Bau der Rohzuckerfabrik in den Jahren 1901 und 1902 durchgeführt. Als Baumeister wurde der Architekt Viktor Benes aus Prag herangezogen. Die Inneneinrichtung wurde von der Firma Breitfeld, Danek & Co., Prag-Karolinenthal, geliefert. Die Kessel wurden von der Ersten Brünner Maschinenfabriksgesellschaft in Brünn erbaut. Die Eisenkonstruktionen stammen von der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft. Den Schornstein errichtete die Firma Alfons Custodis, die Brückenwaagen lieferte die Firma C. Schember & Söhne und die Werkzeugmaschinen Ernst Dania & Co. Zuerst wurde das Anschlußgeleise zur Bahnstation hergestellt, dann mit dem Fabriksbau begonnen. In der Nacht nach der Gleichenfeier vom 30. November 1901 stürzte infolge eines gewaltigen Orkans ein Teil der Westfront des Fabriksgebäudes wieder ein, aber dank dem andauernden milden Wetter konnte der bedeutende Schaden noch vor Eintritt des Winterfrostes ausgebessert werden.
Kaum war der österreichische Inlandmarkt durch die Vereinbarungen des großen Zuckerkartells geordnet, so stiegen am Horizont drohende Wetterwolken für den österreichischen Export auf. Schon seit dem Jahre 1860 erhielten die österreichischen Zuckerfabriken für die über die Zollinie hinweggebrachten Zuckermengen Steuerrückvergütungen, die sich im Laufe der Zeit zu Ausfuhrprämien entwickelten,