Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft
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durch welche die österreichische Zuckerindustrie mächtig gefördert wurde und zu einer führenden Wirtschaftsmacht auf dem Weltmarkt emporstieg. Seit dem Zuckersteuergesetz vom Jahre 1888 betrug diese Exportbonifikation 2 fl. 30 für 1 dz Raffinade und 1 fl. 60, bzw. 1 fl. 50 für Rohzucker I. und II. Klasse. Ähnliche Ausfuhrprämien wurden aber auch von allen anderen Rübenzuckerländern (Deutschland, Frankreich, Belgien und Rußland) gewährt, so daß schließlich alle Weltmärkte mit Zucker überführt waren und die Zuckerpreise dementsprechend auf einem Tiefpunkt anlangten. Die englischen Rohzuckerfabrikanten auf den westindischen Antillen (Jamaica, Barbados usw.), die bei diesen Preisen nicht mehr bestehen konnten, wandten sich an die Regierung ihres Mutterlandes um Abhilfe. England war damals der Hauptzuckerkonsument der Welt und bezog außerordentlich hohe Zuckermengen aus Deutschland und Österreich-Ungarn. Damals waren in England die Konservativen unter Joseph Chamberlain am Ruder und dieser beschloß, den Kolonien des Empire aus nationalen und imperialistischen Interessen jede Hilfe angedeihen zu lassen. Schon seit 1898 tagte die Brüsseler Zuckerkonferenz, aber die Rübenzuckerländer, die ja kein Interesse am Zustandekommen einer Konvention hatten, zogen die Verhandlungen durch allerhand Ausflüchte hinaus und trieben offen Sabotage. Schließlich wurden sie ergebnislos abgebrochen. Als sie im Jahre 1901 wieder aufgenommen wurden, zog England andere Saiten auf. Es forderte zum Schutz seiner westindischen Kolonien die Abschaffung aller staatlicher Exportbonifikationen und die Senkung des hohen Schutzzolles der Rübenzuckerländer auf 5 Franken. Österreich hatte seit alter Zei? einen Schutzzoll auf Raffinade von 13 Gulden oder 26 Kronen nach der 1900 eingeführten neuen Währung. Für den Fall eines Scheiterns der Brüsseler Konferenz drohte Chamberlain mit einem englischen Einfuhrverbot für prämiierten Zucker. Es läßt sich denken, daß bei dieser politischen Lage die Stimmung in der österreichischen Zuckerindustrie sehr düster war. Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. exportierte in der Kampagne 1900/01 rund 200000 dz, wofür sie vom Staat 460000 Gulden oder 920000 Kronen Exportbonifikationen erhielt. Dieser hohe Betrag stand jetzt ganz auf dem Spiele. Aber weder Deutschland noch Österreich konnten die Verhängung eines englischen Einfuhrverbotes auf ihren Zucker riskieren, England war doch ihr größter und bedeutendster Abnehmer. Daher kam trotz allen Widerständen der Zuckerindustrie am 5. März 1902 die Brüsseler Zuckerkonvention zustande, in der sich die beteiligten Staaten Frankreich, England, Deutschland, Österreich sowie noch eine Reihe anderer Länder zur Abschaffung der Exportprämien und zur Herabsetzung des Zolles verpflichteten. Aber die Rübenzuckerländer trugen noch einen letzten Erfolg davon. Der neue Schutzzoll wurde nicht, wie ursprünglich verlangt, mit 5, sondern mit 6 Franken festgesetzt und der Wirkungsbeginn der Konvention wurde auf 1. September 1903 hinausgeschoben, so daß praktisch die Exportbonifikationen noch volle eineinhalb Jahre ausbezahlt werden durften. Auch die Leipnik- Lundenburger Zuckerfabriken A. G. trachtete daher in den kritischen Jahren der Brüsseler Zuckerkonferenz danach, mit allen Mitteln den Export auf ein Höchstmaß zu steigern, um vor Inkrafttreten der Konvention noch in den vollen Genuß der Exportbonifikation zu gelangen. Über die Entwicklung des Exports in diesen Jahren unterrichtet nachfolgende Tabelle: