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Jakob Baxa
Lundenburg und Wschetul fielen in das Staatsgebiet der neubegründeten Tschechoslowakei, während die Wiener Zentrale, von der bisher alle Fabriken geleitet wurden, und die Leopoldsdorfer Fabrik bei Österreich verblieben. Infolge Kohlenmangels konnte Leopoldsdorf die Kampagne nur mit Unterbrechungen durchführen und die Rüben Verarbeitung statt im Jänner erst in den letzten Tagen des Monates März 1919 beenden. Von der verhältnismäßig großen Rübenernte von 478000 dz konnten nur 308000 dz auf Zucker verarbeitet werden, während der Rest anderweitig verwertet werden mußte. Noch trostloser waren die Verhältnisse im Betriebsjahr 1919/20, wo von 241000 dz Rübe nur 126000 dz, also nur die Hälfte, auf Zucker verarbeitet werden konnte. Österreich besaß jetzt nur vier Zuckerfabriken (Bruck, Dürnkrut, Hohenau und Leopoldsdorf), die der staatlichen Bewirtschaftung der „österreichischen Zuckerstelle“ unterstanden, die ab 13. Dezember 1918 an die Stelle der früheren Zuckerzentrale getreten war. Diese Stelle setzte den Rübenpreis in Befolgung einer reinen Konsumentenpolitik viel zu niedrig an, so daß der Rübenbau ständig zurückging. Um den Rübenbezug der Leopoldsdorfer Fabrik auf eine gesicherte Grundlage zu stellen, dachte Dr. Richard von Skbne daran, die Landwirte durch eine Aktenemission derart an dem Unternehmen zu beteiligen, daß sie gleichzeitig mit der Aktienzeichnung die Verpflichtung zur jährlichen Ablieferung einer bestimmten Rübenmenge übernehmen sollten, eine Verbindlichkeit, die als Reallast auf dem betreffenden Grundbesitz eingetragen werden sollte. Aber die Landwirte wollten eine derart weittragende Verpflichtung nicht übernehmen.
Die Zuckerfabriken erhielten von der Österreichischen Zuckerstelle nur die Gestehungskosten zuzüglich einer geringfügigen Amortisations- und Gewinnquote vergütet. Da aber in jenen Tagen der rastlosen Papiergeldinflation der Geldwert ständig sank und alle Waren im Preise stiegen, mußte der Staat selbstverständlich den Fabriken die auf gelaufenen Mehrkosten ersetzen. Mit 1. März 1922 trat die Zuckerstelle in Liquidation, aber die inländischen Erzeugnisse der Kampagne 1921/22 blieben noch zur Gänze zu ihrer Verfügung.
Durch den Anschluß des Burgenlandes im Jahre 1921 kamen zwei weitere Zuckerfabriken, Hirm und Siegendorf, zu Österreich, so daß es jetzt über sechs Betriebsstätten verfügte. In jenen Tagen des furchtbaren Zuckermangels ertönte in Laienkreisen überall der Ruf nach dem Bau neuer Fabriken und die Banken hätten gerne das Kapital hiefür beigestellt, aber Dr. Richard von Skene verfocht im Namen der Industrie den Grundsatz: Ein Bau neuer Fabriken ist nicht notwendig, notwendig ist allein die Ausdehnung des Rübenanbaues und eine entsprechende Erweiterung der Verarbeitungsfähigkeit der vorhandenen Betriebe. An diesem Grundsatz wurde auch festgehalten. Erst im Jahre 1929 wurde eine neue Fabrik in Enns gebaut, die den westlichen Teil von Niederösterreich und das ganze Land Oberösterreich für den Rübenbau gewann.
Infolge der Staatentrennung wurde am 30. August 1921 in Lundenburg eine neue Gesellschaft, die „Lundenburger Zuckerraffinerie Aktiengesellschaft“ mit einem Kapital von Kc 6000000,— gegründet, welche die Fabriken Lundenburg und Wschetul übernahm. Da aber infolge der besonderen Verhältnisse in der Tschechoslowakei die Spannung zwischen Roh- und Weißzucker damals so gering war, daß eine reine Raffinerie ohne gleichzeitige Rübenverarbeitung unrentabel war,