Aufsatz 
Österreichs Beitrag zur ersten Herstellung von Radiumverbindungen im großen durch das Ehepaar Curie / von E. A. Kolbe
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E. A. Kolbe

Babanek, den Vorschlag, Herrn Curie mit Rücksicht darauf, daß das Ergebnis der in Aussicht genommenen Arbeiten auch für das staatliche Montanwerk St. Joachimstal von Nutzen sein könnte, 1000 kg Laugerzrückstände kostenfrei zu überlassen. Bergrat Babanek stimmte diesem Vorschläge zu. Kurze Zeit darauf wurde die betreffende Sendung unfrankiert nach Paris auf gegeben. Das Eintreffen der erwähnten Sendung Laugerzrückstände im Gewichte von 1000 kg = 1 Tonne in der cole de Physique in Paris, wo sich der vom Ehepaar Curie als unzureichender Arbeitsraum benützte Hangar befand, löste bei Frau Curie helle Freude aus 8 . Diese 1000 kg St. Joachimstaler Laugerzrückstände waren ausschlaggebend für die Durchführung aller weiteren, sehr mühevollen, jedoch erfolgreichen Arbeiten des Ehepaares Curie. Sie ermöglichten zum ersten Male die Herstellung einer größeren Menge Radiumverbindungen und in weiterer Folge das Studium ihrer Eigenschaften und Wirkungen. Bisher hatten die beiden Forscher ihre Untersuchungen nur unter Verwendung von Pechblende ausgeführt. Ruther­ford 9 schrieb darüber:Herr und Frau Curie verdankten die Beschaffung ihres Ausgangsmaterials dem Entgegenkommen der österr. Regierung (gemeint ist: der österr. Staatsverwaltung), welche ihnen in hochherziger Weise die erste Tonne vorbehandelter Uranrückstände aus den staatlichen Fabriken zu Joachimstal in Böhmen zur Verfügung stellte. Am 6. Juli 1899 sandte Pierre Curie ein Schreiben an das Ackerbauministerium in Wien, in welchem er sich für die Überlassung von St. Joachimstaler Laugerzrückständen bedankte. Die St. Joachimstaler Uranfarben­fabrik erhielt vom Ehepaar Curie zur Erinnerung an ihre Arbeiten einen Apparat zur Messung der Radioaktivität der in Frage kommenden Substanzen. Am 13. September 1899 langte aus Paris beim Ackerbauministerium in Wien ein An­suchen um nochmalige Überlassung von 1000 kg St. Joachimstaler Laugerzrück­stände ein. Daraufhin hat das Ackerbauministerium die erforderlichen Verfügungen getroffen. Das Ehepaar Curie erhielt einige Male Laugerzrückstände aus St. Joachimstal 10 . Die nach Paris gesandten Laugerzrückstände wurden dort nach dem von Debierne * 11 ausgearbeiteten Verfahren auf Radium- und Polonium Ver­bindungen verarbeitet. Nach Kroupas Angaben wurden von den unter seiner Leitung in der-Uranfarbenfabrik in St. Joachimstal in den Jahren 18961900 an­gesammelten vier Waggons = 40000 kg Laugerzrückstände 10000 kg dieser Rück­stände dem Ehepaar Curie in Paris käuflich überlassen.

Ferner wurde die gleiche Menge Laugerzrückstände für Rechnung der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien im Werke Atzgersdorf bei Wien der Chemischen Fabrik der Österr. Gasglühlicht- und Elektrizitäts-Gesellschaft unter Haitinger 12 und Ulrich 13 auf Radiumverbindungen verarbeitet. Die

8 Eve Curie: Madame Curie, Fischer Bücherei, S. 114, 1952.

9 Siehe Broschüre ,,St. Joachimstal, IV. Abschnitt, S. 45.

10 Eve Curie: Madame Curie, S. 119.

11 Chem. News, Bd. 88, S. 136. Weitere Angaben über die Verarbeitung von Laug­erzrückständen siehe Gmelins Handbuch d. Anorg. Chemie a. a. O.

12 Sitzber. Akad. d. Wissensch., Math.-Naturwiss. Kl. Wien, Bd. 117, S. 619, ferner Pa weck, Zeitschr. f. Elektrochem. Bd. 14, S. 619.

13 Österr. Chemiker-Ztg., XXXV. Jahrg., S. 205.