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Heinrich Quiring
Zu diesen Einzelgebieten gehörte die hüttenmännische Gewinnung von Arsenik und anderen Arsenikalien aus arsenhaltigen Erzen. Obwohl Deutschlands Reichtum an Arsenerzen weit hinter dem anderer Länder zurücksteht, erzeugte es von 1710 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mehr Arsenikalien als alle übrigen Länder der Erde zusammen. Es war gelungen, das frühere Goldbergwerk Reichenstein zu einem Arsen- und Arsenikerzeuger ersten Ranges um- und auszugestalten. Bis zu Deutschlands Zusammenbruch (1945) blieb die Grube Reichenstein die bedeutendste der wenigen Arsenerzgruben der Erde. Werden doch z. B. in Amerika die wichtigsten Arsenerze (Arsenkies und Arsenikalkies) für unbauwürdig gehalten und die mit anderen Erzen verknüpften Arsenmineralien vielfach als lästig empfunden, da sie besondere Verhüttungsmethoden erfordern, den in Reichenstein zuerst entwickelten nachgebildet.
Das Verdienst, Deutschland diesen Jahrhunderte aufrecht erhaltenen Vorsprung verschafft zu haben, hat Johann von Scharfenberg. Wie alle genialen Erfinder und Vorkämpfer eilte v. Scharfenberg mit seinen Ideen der Zeit weit voraus. Dabei traf er auf teils böswillige, teils verständnislose Zeitgenossen, die ihm sein Werk bis zum äußersten erschwerten. Ja, selbst noch im 19. Jahrhundert sind Stimmen laut geworden, die zwar nicht sein Verdienst, wohl aber seine Beweggründe herabzusetzen versucht haben. Daß seine Zeit ihn nicht verstand, lag darin, daß damals selbst Fachleute chemische oder hüttenmännische Neuerungen als alche- mistischen Unfug, wenn nicht Schwindel betrachteten, obwohl doch die Großtaten Galileis, Huyghens’, Leibniz’ und Newtons den naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen eine wesentlich exaktere Grundlage gegeben hatten als sie dem Mittelalter, ja selbst dem Altertum zu Gebote stand.
Unter den mittelalterlichen Bergstätten Schlesiens stand Reichen stein an erster Stelle. Sagen und Märchen haben den Goldbergbau umsponnen. Seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts war er der wertvollste Bergwerksbetrieb Schlesiens gewesen, so daß die Herzoge von Schlesien nach Reichenstein 1508 die Münze verlegt und mehrere hunderttausend Dukaten geschlagen hatten. Nach dem Verkauf der Gruben durch die Fugger war der Bergbau teils von schlesischen Magnaten, teils von Gewerkschaften weitergeführt worden. Im Kleinbetrieb versuchten sie von Schächten und Stollen aus goldreichere Abschnitte aufzufinden und auszubeuten, da ein Gesamtabbau des Erzkörpers, der im Durchschnitt nur 4 g Gold/t enthielt, keinen Gewinn versprach. Denn das Gold konnte nicht, wie z. B. aus Quarzgoldgängen, durch einfaches Pochen, Mahlen und Waschen aus dem Erz gewonnen werden, sondern nur durch vier umständliche Hüttenprozesse. Das in den Gruben gewonnene Roherz — meist goldhaltiger Arsenikalkies — wurde zunächst zerschlagen, handgeschieden, gepocht und naß auf bereitet. Das Erzkonzentrat wurde mit Holzkohle in einem Schachtofen unter Gebläsewind zu arsenhaltigem „Rohstein“ verschmolzen. Aus 101 Erzkonzentrat erhielt man 0,57 t Rohstein. Der Rohstein wurde noch glühend mit Wasser begossen, zerkleinert, danach in Röststadeln geröstet. Die zurückbleibenden, goldhaltigen „Abbrände“ wurden unter Zuschlag von Blei, geliefert von dem benachbarten Erzbergwerk Silberberg, und Sand im Bleiofen eingeschmolzen. Das anfallende goldhaltige Werkblei wurde auf einem Treibherde abgetrieben, so daß sich ein schwach silberhaltiges Rohgold ergab.