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Heinrich Quirin g
warteten hohen Ausbeute „zweifelhaftige Gedanken über seine Schadloshaltung lautwerden läßt“. Diese amtliche Äußerung enthält fast unverschleiert den Vorwurf, daß Schaufenberg bei der Verhüttungsprobe betrügerisch vorgegangen sein könnte, um sich eine gut bezahlte Stellung zu verschaffen. Anderseits verrät sie eine überraschende Unkenntnis in hüttenmännischen Dingen. Mit Recht kann angenommen werden, daß diese Äußerung vom grünen Tisch bei den maßgebenden Stellen in Wien der Brieger Regierung ebenso sehr geschadet wie sie Scharfenberg genützt hat. Da die Stadt Reichenstein seit 1675 wenig für den Bergbau getan hatte (Steinbeck 1857, S. 86), entschied nach fast 20jährigem Streit Kaiser Leopold I., daß Scharfenberg und seinem Neffen und ,,in den mysteriösen Wissenschaften der Metallurgie unzerteilten Freunde“, dem Kapuzinerpater Johann Pauwens, „sonsten Angelus pro nunc ab Umbria, Missionarius und Notarius apostolicus“ auf ihre eigenen Unkosten ohne des Kaisers Zu- und Beitrag die Einrichtung und Instandsetzung aller kaiserlichen Bergwerke in Ober- und Niederschlesien zu überlassen sei.
Scharfenberg und Pater Angelus hatten dem Kaiser versprochen, die Reichensteiner Bergwerke auf eigene Kosten und Gefahr in 3 Jahren wieder einzurichten gegen eine Belohnung von 20000 Reichstalern aus dem Ertrage. Zur Geldbeschaffung wurde ihnen die kaiserliche Domänenherrschaft Prieborn eingeräumt unter Vorbehalt späterer Wiedereinlösung. Nach glücklichem Fortgang der Arbeiten sollten sie ihre Geheimnisse (arcana) dem Kaiser unterbreiten. Eine besondere Besoldung wurde nicht gewährt. Mit gleicher Urkunde ernannte der Kaiser Johann v. Scharfenberg zum Oberberghauptmann im Erbherzogtum Ober- und Niederschlesien und Pater Angelus zum „Coadjutore et Inspectore“. Wenn der Kaiser einen zum Wegbahner, nicht zum Werkzeuge geborenen Manne ein so hohes Staatsamt anvertraute, war er sich wohl bewußt, daß der schlesische Bergbau nicht einen Verwaltungsbeamten, sondern einen geistig regsamen, um Mittel und Wege nicht verlegenen Antreiber nötig hatte. Daß Scharfenberg neben seinem starken Optimismus noch Geschäftsgeist besaß, vor allem seine Idee nicht ohne Entschädigung preisgeben wollte, kann ihm nicht verargt werden.
Der Bericht der Brieger Regierung läßt erkennen, daß Scharfenberg von Anfang an das Ziel verfolgte, aus dem Reichensteiner Erz nicht das Gold, etwa auf einfachere Weise als bisher, sondern Arsenik zu gewinnen. Bis dahin waren Arsenmetall und Arsenik (As 2 0 3 ) nur in chemischen Laboratorien nach Verfahren hergestellt worden, die größtenteils noch aus dem Altertum überliefert waren. Als Ausgangsmaterialien dienten dabei die Arsensulfide Realgar (AsS) und Auripigment (As 2 S 3 ). Dagegen war niemand darauf gekommen, die beim Verschmelzen und Abrösten arsenhaltiger Gold-, Silber-, Blei- und Kupfererze in vielen Hütten der Erde entweichenden Arsen- und Schwefeldämpfe oder Arsentrioxyd- und Schwefeldioxyddämpfe aufzufangen und nutzbar zu machen. Die bahnbrechende Tat Scharfenbergs, dessen Versuche in Reichenstein spätestens 1678 begonnen haben, verlegte die Arsenikgewinnung aus den Laboratorien in die Metallhütten. Gleichzeitig und erstmalig wurden die Schäden verhütet, die der giftige Hüttenrauch in der Umgebung der Gold-, Silber-, Blei- und Kupferhütten bis dahin angerichtet hatte, Schäden, die schon das Altertum durch hohe Öfen und Schornsteine zu vermeiden gesucht hatte (Strabo).