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Heinrich Quiring
meldete das kaiserliche Ärar 5126 Gulden an. Die Firma Weiss in Breslau berechnete die der Reichensteiner Hütte gegebenen Vorschüsse auf 11570 Reichstaler. Auch andere Gläubiger erhoben Forderungen. Zur Deckung der Zehntrückstände beschlagnahmte die schlesische Kammer das nachgelassene Vermögen v. Scharfenbergs, zunächst das Wohnhaus und andere Teile der Habe. Der mit der Beschlagnahme beauftragte grobe Zehnteinnehmer drohte der um ihr Hab und Gut kämpfenden Freifrau mit Schlägen. In ihrer Not verkaufte sie „was ihr noch an schlechten Betten, Stühlen und wenigen Küchengeräten verblieben war und ließ, um einige Groschen zu lösen, Ofenstege und altes Eisenzeug durch einen ihrer jungen Söhne in der Stadt feilbieten“. Die Regierung in Brieg vertrat in einem Bericht vom 16. Juni 1740 den Standpunkt, daß die Gebrüder v. Scharfenberg die bei der Belehnung von 1709 bis 1711 eingegangenen Verpflichtungen nicht erfüllt hätten und daher die Belehnung erloschen, der Bergbau von Reichenstein und Silberberg in das landesherrliche Freie zurückgefallen sei. Die Ansprüche der Firma Weiss seien aus Privatabmachungen des Freiherrn v. Scharfenberg entstanden und daher unbeachtlich. Ohne mit den Bergwerken und Hütten ordentlich belehnt zu sein, führte die Stadt Reichenstein den Betrieb weiter, auch den der Arsenhütte. Sie „arbeitete für eigene Rechnung . . . verwüstete dabei den Stadtwald und führte keinen Zehnten ab“ (Steinbeck 1857, S. 98).
In diesem Zustande kam nach Beendigung des ersten schlesischen Krieges der Reichensteiner Bergbau unter preußische Verwaltung, das heißt unter die Kriegsund Domänenkammer in Breslau. Friedrich der Grosse wandte ebenso wie die schlesischen Herzoge und die deutschen Kaiser sein besonderes Augenmerk auf die Arsen- und Goldgewinnung in Reichenstein. Da es seit v. Scharfenbergs Tode nicht mehr gelang, mit Vorteil die bei der Röstung zurückbleibenden Abbrände zu entgolden, war es nunmehr allein die Erfindung von Johann v. Scharfenberg, die im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts den Reichensteiner Bergbau am Leben erhielt. Man begnügte sich mit dem Gewinn, der bei einfacher Röstung der gepochten und verwaschenen Erzkonzentrate und Raffination des Arseniks zu erzielen war. Er blieb gering genug, da der Zentner Arsenik nur 3 Reichstaler erbrachte.
Erst Ende des 18. Jahrhunderts stieg der Preis des Arseniks auf 6 Taler. Ferner wurde sowohl bei der Röstung wie bei der Raffination der Erze das Brennholz durch Steinkohle ersetzt, so daß die Gestehungskosten erheblich sanken und nunmehr die Arsenikfabrikation ihre Kinderkrankheiten überwunden hatte. Die wirkliche erste Blütezeit der Arsenikgewinnung Reichensteins, das damals den Weltmarkt beherrschte, dauerte von 1780 bis 1801. Man erzeugte in der Raffinierhütte weißes, gelbes und rotes Arsenglas. Ferner war eine Teer-Arsenik-Mischung zum Teeren von Schiffen sehr begehrt. Johann v. Scharfenberg war daher mit seiner Erfindung, trotzdem er und seine Söhne hohe Ehren und kaiserliche Anerkennung gefunden hatten, seiner Zeit um fast 100 Jahre vorausgeeilt, was allein den materiellen Mißerfolg der Familie Scharfenberg erklärt. Das 1811 niederge- schriebene Manuskript „Reichensteiner Arsenikalbergbau“ enthält den nur in seinem ersten Teile zutreffenden Satz: „Die Scharfenbergs waren Männer von großer Einsicht und ungemeiner Tätigkeit, doch ihre Unternehmung war für ihre Mittel zu groß.“