Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen
Martina Heßler
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen.
Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen
Der Begriff der Ersetzung hat häufig einen schlechten Klang. Jemand oder etwas wird ersetzt, weil er, sie oder es veraltet, kaputt oder überflüssig geworden ist oder nicht mehr funktioniert. Auch der Begriffshof von Ersetzung ist eher negativ. Ersetzung geht einher mit nicht (mehr) gut genug, mit Reparatur, mit Notbehelf, mit Fehlen, einem Verlust und vor allem mit dem Überflüssigwerden desjenigen, was ersetzt wird. Im Grimm’schen Wörterbuch wird der Begriff mit einem Verlust oder Schaden verknüpft. So kann man unter dem Eintrag „ersetzen“ u. a. lesen: „erstatten, hersteilen: die verlorenen kräfte ersetzen, den schaden, die Unkosten ersetzen .“ 1
Insbesondere die Ersetzung von Menschen durch Maschinen stellt einen äußerst negativ konnotierten Begriff dar, der zudem häufig angstbesetzt ist. Nicht selten wurden und werden Horrorszenarien der maschinellen Ersetzung der Menschen gezeichnet, vor allem in der Populärkultur, in den Medien und in der Science- Fiction, gar bis hin zu Szenarien der Auslöschung der Menschheit durch Maschinen. Ironisch bis sarkastisch kommentierte kürzlich ein Zeitungartikel die Ersetzung menschlicher Zuschauer in einem Sportstadion während der Corona-Krise. Jubelnde und auf das Baseball-Spiel reagierende Roboter standen an Stelle der menschlichen Fans im Stadion . 2
Die Ersetzung von Menschen ist auch Thema in Fachdiskursen, vor allem im Kontext der Maschinisierung der Arbeitswelt. Gerade im Kontext derzeitiger Debatten um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz wird das Thema der Ersetzung von Menschen durch Maschinen erneut ängstlich und warnend thematisiert. Die breite Resonanz, die kürzlich die Studie von Frey/Osborne erhielt, in der die Autoren fast die Hälfte der US-amerikanischen Arbeitsplätze als durch Computer und Künstliche Intelligenz ersetzbar einschätzten, verweist auf die
1 Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 3, Sp. 982, 1862, http://dwb. uni-trier.de/de/das-woerterbuch/ (25.9.2020)
2 Alexander Menden: Fans der Zukunft, in: Süddeutsche Zeitung, 11.7.2020.
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