Christian Stadelmann
Galatea
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Pygmalion-Stoff intensiv bearbeitet, ausgestaltet und in neu entstehende Literatur aufgenommen. 4 Jetzt erst erhält die Statue und spätere Frau selbst auch einen Namen, nämlich Galatea. In den zahlreichen Bearbeitungen, die der Stoff dann im späten 19. Jahrhundert erfahren hat, wird diese Figur unterschiedlich interpretiert. Bisweilen wird sie zum handelnden Subjekt, aber die ihr zugeschriebene Rolle bleibt einem streng patriarchalen Frauenbild verpflichtet. Die zu dieser Zeit einsetzende Diskussion um Geschlechterrollen hat keinen erkennbaren Einfluss darauf. 5 Unter all den Bearbeitungen nachhaltig bekannt geblieben ist das Stück „Pygmalion“ von George Bernard Shaw von 1913, das auch als Vorlage für das Musical „My Fair Lady“ gedient hat.
Bis heute ist es im Allgemeinen bei einer wenig reflektierten Rezeption geblieben. Das ist insofern interessant, als die Erzählung von Pygmalion in den letzten Jahren wieder sehr häufig Erwähnung findet, ohne dass es dafür einer Neubearbeitung des Stoffes bedurft hätte. Es hat sich nämlich in der einschlägigen Literatur die Ansicht etabliert, dass Galatea der erste Sexroboter gewesen sei 6 - eine Darstellung, die auch von den Massenmedien bereitwillig übernommen wird. 7
Was an diesem Kontinuitätsbild zweifellos stimmig ist: Die literarische Figur der Galatea ist ebenso wie der Sexroboter - der fast ausnahmslos in weiblicher Gestalt angeboten und gekauft wird - ein Versprechen an den Mann. Galatea verheißt ihm, „Gott zu sein, Schöpfer, Angebeteter, Horizont und so unendlich überlegen und gut für das Gegenüber, das scheu die Augen aufschlägt und nichts sieht und nichts sehen will als nur ihn allein, ihn, dem sie alles verdankt.“ 8 Dementsprechend kann der Mann auch nach Belieben über sie verfügen. Sie
4 Vgl. Julie Wosk: My Fair Ladies. Female Robots, Androids and Other Artificial Eves. New Brunswick, New Jersey, London 2015, S. 5-30.
5 Ebd.,S. 14-23.
6 Vgl. u. a. David Levy: Love & Sex with Robots. The Evolution of Human-Robot Relationship. London 2009 (Erstausgabe 2007), S. 177; John Danaher: Should We Be Thinking about Robot Sex? In: Ders., Neil McArthur (Hg.): Robot Sex. Social and Ethical Implications. Cambridge, MA, London 2017, S. 3-14, hier S. 3. Nur Kate Devlin wehrt sich gegen diese Darstellung und vergibt den Titel des ersten Sexroboters an die griechische Sagengestalt Protesilaos, das erste Todesopfer des Trojanischen Krieges, von dem sich seine Frau ein Abbild als Liebhaber machen lässt: Kate Devlin: Turned On. Intimität und Künstliche Intelligenz. Darmstadt 2020 (Oriqinalausqabe: 2018), S. 15 bzw. S. 13.
7 Vgl. u. a. Barbara Bleisch: In Love with Robo: Nur eine Frage der Gewöhnung, https://www.srf. ch/kultur/wissen/in-love-with-robo-nur-eine-frage-der-gewoehnung (10.10.2020)
8 Sophie Wennerscheid: Sex Machina. Zur Zukunft des Begehrens. Berlin 2019, S. 116.
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