Neues vom Schöpfungsakt
Christian Stadelmann
Neues vom Schöpfungsakt
Bemerkungen zur Entwicklung von „Sexrobotern“
Und das Feuer des künstlichen Leibes durchflammte die Brust ihm.
Häufig betasteten die Hände das Werk, zu erproben. Ist's wirklich Elfenbein oder lebt es? Er gibt nicht zu, dass es Kunst ist.
Und er küsst sie und glaubt sich geküsst, er plaudert, umarmt sie,
Meint mit den Fingern die Weiche des Leibes zu spüren und fürchtet,
Dass, wenn die Glieder er drücke, sie bläuliche Flecken entstellen. 1
2000 Jahre alt ist dieser Auszug eines Gedichtes aus den Metamorphosen Ovids. Es erzählt die Geschichte des Bildhauers Pygmalion, der alle intimen Kontakte mit Frauen vermeidet, weil er sie als durch und durch lasterhaft wahrnimmt. Stattdessen erschafft er mit seinen Mitteln „ein elfenbeinernes Weib, wie Natur es / Nie zu erzeugen vermag“ 2 und verliebt sich prompt in die Statue. In weiterer Folge ist es die Liebesgöttin Venus persönlich, die sich Pygmalions annimmt. Sie lässt die Statue, noch während er diese liebkost, lebendig werden. Und als die Jungfrau im Zuge dieser Erweckung gleich auch errötet, weil er sie küsst, scheu die Augen aufschlägt und „den Liebenden [...] zugleich mit dem Himmel“ 3 erblickt, mag das Pygmalion darauf hoffen lassen, dass die solcherart ins Leben Gerufene nicht ihren Geschlechtsgenossinnen gleich vom Rad der Tugend abkommen wird.
Darüber berichtet Ovid nichts Näheres mehr. Seine Erzählung findet einen glücklichen Abschluss: Neun Monate nach der geschilderten Begebenheit kommt die gemeinsame Tochter Paphos zur Welt, die zur Namensgeberin einer zypriotischen Stadt wird.
1 Ovid: Pygmalion. Deutsch von Wilhelm Willige, in: Klaus Völker: Künstliche Menschen. Dichtungen und Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und liebende Statuen. München 1971, S. 322 (Rechtschreibung aktualisiert).
2 Ebd.
3 Ebd., S. 323.
77