Christian Stadelmann
Almen zugebracht haben, anzutreffen gewesen ist. Hinweise darauf sind spärlich, und dass die Sennenpuppen vor allem in literarischen Bearbeitungen - als Sagen zumal - Erwähnung finden, 15 mag bezeichnend für die Tabuisierung dieses Brauchs sein. Von Seiten der historischen Volkskunde, die sich ansonsten ausführlich mit „Sitten und Gebräuchen“ im alpinen Raum befasst hat, wird er meines Wissens vollkommen ignoriert - vielleicht auch, weil er schon von den Ausübenden und den mittelbar damit konfrontierten Personen tabuisiert worden ist und die Ethnolog_innen gar keine Kenntnis davon erhalten haben. Die Sagen jedenfalls erzählen von einsamen Hirten - auf den Hochalmen vor allem der Westalpen handelte es sich fast ausschließlich um Männer - die sich eine weibliche Puppe gebastelt haben, mit der sie gesprochen und das Lager geteilt haben. Allerdings bleibt dieses gottlose Treiben nicht ungesühnt. Die Sennenpuppe wird kurz vor der Alpabfahrt lebendig und rächt sich für das, was ihr die Hirten angetan haben.
Zumindest in der Sage wird die Sünde bestraft. Auch die Gummipuppen, die um die Wende zum 20. Jahrhundert aufkamen und hoch gehandelt wurden, erregten gesellschaftliche Ablehnung, um nicht zu sagen Abscheu. Selbst der sehr fortschrittliche Mediziner Iwan Bloch sprach in seinem viel rezipierten Buch über das „Sexualleben unserer Zeit“ ein moralisch vernichtendes Urteil über die Agalmatophilie. Nicht nur, dass er dieses Phänomen im Kapitel über „Unzucht mit Kindern, Blutschande, Unzucht mit Leichen und Tieren, Exhibitionismus und andere geschlechtliche Perversitäten“ untergebracht hat, ist er auch davon ausgegangen, dass es sich „um unreife, jugendliche, vor allem ungebildete Individuen“ handelt, die diese Neigung hätten, und dass diese bar „jedes ästhetischen Sinnes [...] und außerdem in Prüderie und Scheu vor dem Nackten aufgewachsen“ seien. 16
Eine Phantasiefürstin
So eng das moralische Korsett an die Agalmatophilie im frühen 20. Jahrhundert auch angelegt war, in Künstlerkreisen scheint man sich freier davon gefühlt zu haben. Autobiographische Dokumente legen dies ebenso nahe wie das liberalmilde Urteil über Kunstschaffende durch die Nachwelt. Eines der bekanntesten Beispiele für die Liebe zu „Nachbildungen der menschlichen Person“ ist der
15 Vgl. Christian Löhden: 111 Orte in Graubünden, die man gesehen haben muss. Köln 2015, S. 64f.
16 Bloch, siehe Anmerkung 9, S. 710.
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