Neues vom Schöpfungsakt
Maler Oskar Kokoschka, der die Auflösung seines Verhältnisses mit Alma Mahler 1915 in einer ungewöhnlichen Weise zu verarbeiten suchte. Er beauftragte 1918 die Puppenmacherin Hermine Moos, eine lebensgroße Puppe seiner „Phantasiefürstin“ anzufertigen. Zwischen Juli 1918 und Februar 1919 schreibt er ihr eine Reihe von Briefen, in denen er bis in die kleinsten Details immer wieder genaue Anweisung gibt, wie die Puppe zu gestalten sei. Hand und Fuß müssten auch noch „nackt etwas Anziehendes“, „Lebendiges“ haben „und nicht klumpig“ wirken, „sondern nervig. Die Größe etwa so, daß man einen eleganten Frauenschuh darüber ziehen“ könne. Er hatte nämlich schon eine Menge schöner Frauenwäsche und Kleidung dafür gesammelt. 17 „Ist der Mund zum öffnen? Und sind auch Zähne und Zunge drinnen? Ich wäre glücklich!“ schreibt er weiter; und: „Die Brüste, möchte ich Sie bitten, noch mehr detaillieren! Die Warzen nicht erhaben, sondern mehr uneben und nur durch die Rauhigkeit meist abheben.“ 18 Dem Brief fügt er eine grobe Skizze bei, auf der eine Frau mit bloßen Brüsten abgebildet ist. Sie hält einen Knaben im Arm, und daneben steht ein zweiter. Auf dieser, so erklärt er, „sind alle kleinen Formen der Brust, die diese so anmutig und schwellend machen, drauf. Bei dem Überziehen dann wieder sehen, daß der Brustkorb keine Falten und Nähte hat, die nicht beabsichtigt sind und nur von der Unvollkommenheit der menschlichen Hand herrühren!“ 19 Für die Gestaltung der Haut hat Kokoschka die folgenden Anweisungen parat: „Überhaupt würde ich Sie bitten, die Haut an folgenden Stellen von der inneren, also der dem Skelett zugewandten Seite, etwas anzufärben in verschiedenen Tönen, damit der Schimmer und Goldglanz des Samtes verschieden farbigen, der Natur der Fleischtöne an verschiedenen Körperstellen angepaßten Schattenton empfängt.“ 20 Und dann beginnt er aufzuzählen: von der Rückenfurche über „Schulterblätter, Halsrücken, bis zum Kopf“, die Achseln, Kniekehlen, Schlüsselbeine, Schienbein- und Leistenkanten, die Ellbogen, den Nabel bis hin zum Schenkelansatz hätte er alles gerne safrangelb. Für die Gesäßspalte, das Kreuzbein, die Augenhöhlen, den Rist, die Scham und die inneren Oberarme wünscht er sich eine natürliche Nussfarbe und für den Bauch, das Gesäß, die Brüste, den Venusberg, die Handteller, die Sohlen, Wangen, Nasenlöcher, Waden sowie den äußeren
17 Oskar Kokoschka. Briefe an Hermine Moos, in: Klaus Gallwitz (Hg.): Oskar Kokoschka und Alma Mahler. Die Puppe. Epilog einer Passion. Katalog zu einer Ausstellung in der Städtischen Galerie im Städel. Frankfurt am Main 1992, S. 91-108, hier S. 98 (Brief vom 10.12.1918).
18 Ebd.
19 Ebd.
20 Ebd., S. 106 (Brief vom 23.1.1919).
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