Christian Stadelmann
Unterarm und die äußeren Schenkel schwebt ihm ein leichtes Rosa mit gewässertem Rotwein vor. 21
Das Gesicht mache ihm die größten Sorgen, schreibt er weiter. Sowie er merke, dass es künstlich angefertigt sei und einen Faden sehe, sei er gepeinigt sein Leben lang. Es müsse „vollkommen und üppig ausgeführt werden und mit Haaren besetzt sein, sonst wird es kein Weib, sondern ein Monstrum.“ 22 Es ist gänzlich unbekannt, wie es Hermine Moos auf all diese Anweisungen hin zumute gewesen ist, aber dass die Ausführung den Vorstellungen Kokoschkas nicht genügen hat können, muss ihr klar gewesen sein. Sie hat die Puppe dennoch angefertigt und ihm geschickt. Von Kokoschkas Seite kennen wir einen letzten Brief an Moos, den er nach deren Erhalt geschrieben hat. Im Gegensatz zu den vorangegangen, die handschriftlich verfasst sind, ist dieser mit der Schreibmaschine geschrieben worden. 23 „Ich bin ehrlich erschrocken über ihre Puppe, obwohl ich von meinen Phantasien einen gewissen Abzug zugunsten der Realität längst zu machen bereit war“, erklärt er ihr. Die äußere Hülle sei ein Eisbärenfell. Sie hätte ihm doch Stoffproben geschickt, die „sammetartig“ gewesen seien. Arme und Beine würden baumeln wie mit Mehl gefüllte Strümpfe, wie überhaupt die ganze Puppe zusammenklappe wie ein Fetzenbündel. Obwohl er gebeten habe, „eine solide und diskrete Aufmachung“ zu gewährleisten, habe er „schon eine Menge Stecknadeln und Drahtenden gefühlt.“ Die Arme seien „ohne Akzentuierung, Oberarm und Unterarm abnorm, Knie elephantisch, Beine niemals nervig.“ Er könne die Puppe „nie in Kleider, aber schon gar nicht in kostbare, zarte stecken.“ „Denn schon einen Strumpf zu überziehen wäre wie einem Eisbären einen französischen Tanzlehrer zuzugesellen.“
Ungeachtet seiner harschen Kritik ließ Kokoschka die Puppe Modell „sitzen“. Er fertigte eine lange Reihe von Studien an, bevor er noch 1919 die „Frau in Blau“ nach ihrer Vorlage malte. 24
Ein noch bekannteres Beispiel für Agalmatophilie aus den Künstlerkreisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist „Die Puppe“ von Hans Bellmer, anhand der er „immer besessener die weibliche Körpertopographie“ erkundete und „in ungezählten Posen einer Lust“ erprobte. 25 Beides sind auch Beispiele dafür,
21 Ebd.
22 Ebd., S. 107.
23 Ebd., S. 108 (Brief vom 6.4.1919). Alle folgenden Zitate sind diesem Brief entnommen.
24 Stephan Mann: Frau in Blau, S. 34f., ders.: „Abbild der fernen Geliebten.“ Die Zeichnungen der Puppe, S. 51-54, beide in: Gailwitz, siehe Anmerkung 17 .
25 Sigrid Metken: Pygmalions Erben. Von erdachten, gemalten, modellierten und genähten Puppen in den 20er Jahren, in: Gallwitz, siehe Anmerkung 17, S. 79-83, hier S. 81.
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